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Full text of "Geschichte der altfranzösischen und altprovenzalischen Romanzenstrophe"

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ROMANISTISCHE ARBEITEN 

ÜERAÜSGEGEBEN VON KARL VORETZSCH 

• XVI 


GESCHICHTE 

DER ALTFRANZÖSISCHEN 
UND ALTPROVENZALISCHEN 
L€ . ROMANZENSTROPHE 


WOLFGANG STOROST 





MAX NIEMEYER VERLAG 

HALLE (SAALE) 

1930 













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ROMANISTISCHE ARBEITEN 


HERAUSGEGEBEN 

VON 

Dr. KARL YORETZSCH 

O. PROFESSOR DER R0MANI8CHEN PHILOLOGIE AN DER UNIVERSITÄT 

HALLE -WITTENBERG 


XYI 

WOLFGANG STOROST 

GESCHICHTE DER ALTFRANZÖSISCHEN UND ALTPROVENZALISCHEN 

ROMANZENSTROPHE 



MAX NIEMEYER VERLAG 

HALLE (SAALE) 

1930 



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GESCHICHTE 

DER ALTERANZÖSISCHEN 
UND ALTPROVENZAIISCHEN 

ROMANZENSTROPHE 

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WOLFGANG STOROST 



MAX NIEMEYER VERLAG 

HALLE (SAALE) 

1930 


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ff 


Alle rechte, 

auch das der Übersetzung in fremde sprachen, Vorbehalten 
Copyright by Max Niemeyer verlag, Halle (Saale), 1930 

Printed in Germany 


Buchdruckerei des Waisenhauses, Halle (Saale) 


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Inhalt 


Seite 


Literatur . 

Einleitung.. 

1. Wichtigkeit der poetischen form. 

2. Heranziehen der musik.. 

3. Ohne berücksichtigung der musik oft falsche ergebnisse . . . 

4. Frage nach der Volkstümlichkeit der romanzen. 

6. Vergleichende musikwissenschaft zur erschließung der form der 

altfranzösischen Volksdichtung. 

6. Aufstellung einer relativen Chronologie. 


VIII 

1 

1 

1 

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4 

4 

5 


Kapitel I. Die grundlage der entwicklung: das litaneien- 
prinzip.. 

1. Seine bedeutung. 

2. Allgemeiner Charakter des litaneienprinzips. 

3. Anpassung an den text und abänderungsfähigkeit der melodie. 

4. Ungenauigkeit in der tongebung und tonvorstellung. 

5. Begrenzung des musikalischen horizonts. 

6. Gegenseitiger ausschluß der musikalischen denkarten. 

7. Kein abschluß. 

8. Der refrain in seinem Verhältnis zur litanei. 

9. Erschließung der form der altfranzösischen Volksdichtung und 

ihrer musik. 

a) Vorhandensein des volksgesanges ein postulat der entwick¬ 
ln*^ . 

b) Zeugnisse für das Vorhandensein der volkspoesie. 

c) Ursachen der nichtüberlieferung. 

d) Das litaneienprinzip in der altfranzösischen Volksmusik . . 

e) Roher versbau. 

f) Dieselbe musik für mehrere gedichte. 

g) Herausbildung der versarten. 

h) Litaneienmelodien in der altfranzösischen literatur .... 

i) Refrain und nachspiel. 

10. Unbegrenztheit der zahl der litaneienglieder. 

11. Zusammenfassung zu laissen. 

12. Künstliche begrenzung der zahl der litaneienglieder. 


7 

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16 
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VI 


Seite 

Kapitel II. Die ent wicklung bis zur herausbildung der älteren 
romanzenstrophe. 39 

1. Die kirchlichen finalkadenzen. 39 

a) EUOUAE.‘39 

b) AEUIA. 42 

c) Andere kadenzenartige refrains. 43 

2. Solche kadenzen in der weltlichen musik. 43 

a) Nachahmung der kirchlichen kadenzen. 43 

b) AOI. 44 

c) Ol. 48 

d) Andere vokalisen. 49 

e) Die musikzeile in der „Bataille d’Annezin“. 50 

3. Textunterlage. 53 

a) Entstehung der abschließenden kurzzeilen nach dem muster 

der geistlichen poesie. 53 

b) Textunterlage nicht immer konsequent durchgeführt ... 64 

c) Die form bleibt trotzdem dieselbe. 55 

d) Der sechssilbnerabschluß bei den laissen als Zeichen eines 

bestimmten entwicklungszustandes. 55 

e) Warum so oft sechssilbnerabschluß? . 56 

f) Andere silbenzahlen bei den abschlüssen . 66 

g) „Aucassin et Nicolette“. 56 

h) Ältere erklärungen des sechssilbners . 58 

i) Erklärung der weiblichen endung. 69 

k) Kein grundsätzlicher unterschied zwischen assonanzlosen, 

untereinander assonierenden oder reimenden abschlüssen und 
refrain. 62 

4. Die ältere romanzenstrophe. 64 

a) Ihre bildung. 64 

b) Die Lateinisch-provenzalische Alba. 66 

c) „Pos de chantar“ von dem Grafen von Poitiers. 67 

d) Romanzen mit ungleicher Zeilenzahl in den Strophen ... 68 

e) Romanzenstrophenmusik aus der „Lamentatio Rachel“ . . 71 


f) Charakteristikum der älteren romanzenstrophe: nicht durch 
die musik innerlich begründete feste Zeilenzahl. 72 


g) Waren diese romanzen volkstümlich?. 72 

Kapitel III. Die jüngere romanzenstrophe. 73 

1. Einfluß der kirchenmusik auf den musikalischen geschmack 73 

2. Differenzierung der litaneienmelodien. 74 

a) Die Schlußdifferenzierung . 74 

b) Weitere ausdehnung der Schlußdifferenzierung. 77 


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VII 

4 

Seite 

c) Differenzierung durch abwcchslung. 83 

d) Kombination beider differenzierungsarten. 8B 

e) Noch stärkeres abweichen der melodie vom textschema . . 86 

f) Art der differenzierung und festlegung der Zeilenzahl ... 87 

3. Das textliche strophenschema bleibt konservativ. 89 

4. Form des refrains. 90 

ö. Keine Volksmusik. 90 

6. Nicht mit noten überlieferte romanzen. 94 

7. Gemeinsames der älteren und jüngeren romanzenstrophe und 

der unterschied zwischen beiden . 96 

Kapitel IV. Weiterbildung der romanzenstrophe und ihre 
spuren in der späteren lyrik. 98 

1. Erweiterung der romanzenstrophe. 98 

a) Bildung von aaabab . 98 

b) Refrain innerhalb dieser form (a A a b A B). 99 

c) Refrain auch davor (A B a A a b A B).100 

d) aaaß aß und anderer text.101 

e) Differenzierung bei dieser form .101 

f) Varianten.103 

2. Romanzenstrophen durch Zusammenfassung .105 

3. Romanzenstrophen in anderen formen enthalten.108 

4. Erweiterung der coda und zurückdrängung der litaneien . . 110 

Schluß. Ergebnisse.112 

1. Die geschichte der romanzenstrophe .112 

2. Romanzenstrophe und rotrouenge.115 


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Literatur. 


Appel, K., Zur Chanijun de Willelme. ZrP 1 ) 42 (1922). 

Aubry, P., Trouvöres et Troubadours. Paris 1909. 

Bartsch, K., Alte französische Volkslieder. Nebst einer Einleitung über das 
französische Volkslied des 12. bis 16. Jahrhunderts. Heidelberg 1882. 

— Altfranzösische Romanzen und Pastourellen. Leipzig 1870. (Abkürzung: 
Bartsch, R. u. P.) 

— Die lateinischen Sequenzen des Mittelalters in musikalischer und rhyth¬ 
mischer Beziehung. Rostock 1868. 

— Sancta Agnes, provenzalisches geistliches Schauspiel. Berlin 1869. 
Bayot, A., Gormond et Isembart. (Reproduction photocollographique du 

manuscrit unique.) Bruxelles 1906. 

Beck, J., Lamusique des chansons de geste, in„Comptesrendus de 1*Acad^mie 
des Inscriptions et Belles-Lettres“ 1911. 

— La musique des troubadours. Paris 1910. 

Becker, Ph. Aug., Der sechssilbige Tiradenschlußvers in altfranzösischen 
Epen. ZrP 18 (1894). 

Bistrom, W., Das russische Volksepos. Zeitschrift für Völkerpsychologie 
und Sprachwissenschaft bd, 6 (1868). 

Böckel, 0., Psychologie der Volksdichtung. Leipzig 1906. 

Boehmer, E., Sponsus, mystöre des vierges sages et des vierges folles. In 
„Romanische Studien“, herausgeg. v. Ed. Boehmer, Bd. 4. Bonn 1880. 
Bücher, K., Arbeit und Rhythmus. Abhandlungen der philologisch-histo¬ 
rischen Klasse der königl. Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften 
bd. 17. Leipzig 1897; als buch in 6. aufl. 1924; von mir in 1. u. 6. aufl. 
(1919) benutzt. 

Champollion-Figeac, Passion de Saint Löger. Collection de documents 
inädits sur l’histoire de la France. M61anges historiques. Tome IV. Paris 
1848. 

Cloetta, W., Le mystöre de l’6poux. Romania 22 (1893). 

Comparetti, D., Der Kalewala. Halle 1892. 

Coussemaker, E. de, Histoire de l’harmonie au moyen äge. Paris 1852. 

— CEuvres complötes du trouvöre Adam de la Haie. Paris 1872. 


1) Die abkürzungen der bekanntesten Zeitschriften sind dieselben wie 
bei K. Voretzsch, Altfranzösische Literatur. Halle 8 1925. 


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IX 

Davidson, F., Über den Ursprung und die Geschichte der französischen 
Balladen. Diss. Leipzig 1900. 

Diez, Fr., Altromanische Sprachdenkmale. Bonn 1846. 

— Die Poesie der Troubadours. Zwickau 1826. 

Fötis, F.-J., Histoire gön&ale de la musique depuis les temps les plus anciens 
jusqu’ä, nos jours. Paris 1869—1876. 

Frantzen, Über den Einfluß der mittellateinischen Literatur auf die fran¬ 
zösische und deutsche Poesie des Mittelalters. Neophilologus bd. 4 (1919). 
Galino, T., Musique et versificationfranqaises aumoyen Ige. Diss. Leipzig 1891. 
Gautier, L., La chanson de Roland. Tours 1875. 

— L’öpopöe nationale, les chansons de geste; in Petit de Julleville, Histoire 
de la langue et de la littörature fran^aise des origines ä 1900 (Petit de Jve.) 
I. Paris 1896. 

Gennrich, Fr., Der musikalische Vortrag der altfranzösischen Chansons de 
geste. Halle 1923. 

— Die altfranzösische Rotrouenge. Halle 1926. 

— Musikwissenschaft als Hilfswissenschaft der romanischen Philologie. ZrP 39 
(1919). 

— Rondeaux, Virelais und Balladen I. Dresden 1921. 

— Zu den altfranzösischen Rotrouengen. ZrP 46 (1926). 

— Zur Rhythmik des altprovenzalischen und altfranzösischen Liedverses. 
ZfSL 46 (1923). 

— Zur Ursprungsfrage des Minnesangs. Deutsche Vierteljahrsschrift für 
Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte bd. 7. Halle 1929. 

Gerold, Th., Rezension von Beck, La musique des troubadours (Paris 1910). 
Archiv 126 (1911). 

Grützmacher, 6. Bericht an die Gesellschaft für das Studium der neueren 
Sprachen in Berlin über die in Italien befindlichen provenzalischen Lieder¬ 
handschriften. Archiv 34 (1863). 

Hämel, A., AOI im Rolandslied. ZfSL48 (1926). 

Hilferding, A., Das Gouvernement Olonez und seine Volksrhapsoden. 

Russische Revue I. St.Petersburg 1872. 

Jeanroy, A., Les chansons de Guillaume IX, Duc d’Aquitaine. Paris 1913. 
Classiques fran<;ais du moyen äge IX. 

— Les chansons. Petit de Jve. I. 

— Les origines de la poösie lyrique en France. Paris 1889. 

Kossmann, E. F., Die Musik als Hilfswissenschaft der Philologie in bezug 

auf das mittelalterliche Lied. Vortrag gehalten auf dem Groninger Philo- 
logenkongreß 1902. 

Lach, R., Die Musik der Natur- und orientalischen Kulturvölker. Handbuch 
der Musikgeschichte, herausgeg. v. G. Adler. Frankfurt a. M. 1924. 

— Die Musik der turk-tartarischen, finnisch-ugrischen und Kaukasusvölker 
in ihrer entwicklungsgeschichtlichen und psychologischen Bedeutung für 
die Entstehung der musikalischen Formen. Mitteilungen der anthropo¬ 
logischen Gesellschaft in Wien bd. 50 (1920). 


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X 


Lach, R., Die vergleichende Musikwissenschaft, ihre Methoden und 
Probleme. Sitzungsberichte der Akademie der Wissenschaften in Wien, 
phil.-historische Klasse, bd. 200 (1924). 

— Gesänge russischer Kriegsgefangener, bd. I: Finnisch-ugrische Völker, 

1. Abt. Wotjakische, syrjänische und permiakische Gesänge. Sitzungs¬ 
berichte der Akad. d. Wiss. in Wien, phil.-hist. Kl., bd. 203 [1926] (1927). 

— Rezension v. Gennrich, Der mus. Vortr. d. afrz. ch. de geste. Die neueren 
Sprachen bd. 32 (1924). 

— Studien zur Entwicklungsgeschichte der ornamentalen Melopöie. Leipzig 
1913. 

— Vorläufiger Bericht über die im Aufträge der Kais. Akad. d. Wiss. er¬ 
folgten Aufnahmen der Gesänge russischer Kriegsgefangener im August 
und September 1916. Sitzungsberichte d. Kais. Akad. d. Wiss. in Wien, 
phil.-hist. Kl., bd. 183 [1917] (1924). 

— Vorläufiger Bericht über die im Aufträge der Kais. Akad. d. Wiss. erfolgten 
Aufnahmen der Gesänge russischer Kriegsgefangener im August bis 
Oktober 1917. Sitzungsberichte der Kais. Akad. d. Wiss. in Wien, 
phil.-hist. Kl., bd. 189 (1918). 

— Zur Frage der Rhythmik des altfranzösischen und altprovenzalischen Lied- 
verses. ZfSL47 (1925). 

Langlois, E., Une mölodie de chanson de geste. ZrP 34 (1910). 

Ludwig, Fr., Die geistliche nichtliturgische und weltliche einstimmige und 
mehrstimmige Musik des Mittelalters bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts. 
Handbuch der Musikgeschichte, herausgcg. von G. Adler, Frankfurt a. M. ' 
1924. 

Maus, F. W., Peire Cardenals Strophenbau in seinem Verhältnis zu dem 
anderer Troubadours. Nebst einem Anhang enthaltend: alphabetisches 
Verzeichnis sämtlicher Strophenformen der provenzalischen Lyrik. Mar¬ 
burg 1884. In Stengels „Ausgaben und Abhandlungen aus dem Gebiete 
der romanischen Philologie“ nr. 5. 

Du Möril, E., Poösies populaires latines antörieures au douziöme siöcle. 
Paris 1843. 

Meyer, P., Les trois Maries, cantique provengal du XV e siöcle. Romania 20 
(1891). 

— Note sur la mötrique du Chant de Sainte Eulalie. Bibliothöque de ficole 
des Chartes 1861. II. 6 e sörie. 

Michel, Fr., La chanson de Roland ou de Roncevaux du 12® siöcle. Paris 1837. 

— La chanson de Roland ou de Roncevaux du 12® siöcle. Paris 1869. 

— Rapports ä M. le Ministre de l’instruction publique sur les anciens monu- 
ments de l’histoire et de la littörature de la France qui se trouvent dans 
les bibliotheques de l’Angleterre et de l’ficosse. Paris 1839. 

Monaci, II misterio provencale di S. Agnese. Roma 1880. 

Morf, H., Das liturgische Drama von den 5 klugen und den 5 törichten Jung¬ 
frauen (Sponsus). ZrP 22 (1898). 


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Müller-Blattau, J. M., Musikalische Studien zur altgermanischen Dichtung. 
Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 
bd. 3 (1926). 

— Rezension v. Gennrich: 1. Der musikalische Vortrag der altfranzösischen 
Chansons de geste. 2. Die altfranzösische Rotrouenge. ZrP46 (1926). 

Naetebus, G.., Die nichtlyrischen Strophenformen des Altfranzösischen. 
Leipzig 1891. 

Nisard, Ch., Des chansons populaires chez les anciens et chez les Framjais 
bd. I. Paris 1867. 

Orth, F., Über Reim und Strophenbau in der altfranzösischen Lyrik. Diss. 
Straßburg 1882. 

Paris, G., La vie de Saint L6ger. Romania 1 (1872). 

— Rezension von Jeanroy, Les origines de la po^sie lyrique en France. Journal 
des Savants 1891 und 1892. 

— Rezension von Pio Rajna, Le origini dell’ epopea francese. Romania 13 
(1884). 

— Rezension von Sepet, De la laisse monorime des chansons de geste. Ro¬ 
mania 9 (1880). 

Rajna, P., Le origini dell’ epopea francese. Firence 1884. 

Rasch, P., Aliscans. Diss. Halle 1902. 

Raynouard, Des formes primitives des trouvfcres dans leurs öpopöes romanes- 
ques. Journal des Savants, juillet 1833. 

Rechnitz, F., Rezension von Beck, La musique des Troubadours. ZfSL36 
(1910). 

Restori, A., La notazione musicale dell’ antichissima alba bilingue (del ms. 
vaticano Reg. 1462). Parma 1892. 

— Note sur la musique des chansons. Petit de Jve. I. 

• Retzius, G., Finnland, Berlin 1886. 

Riemann, H., Das Problem des Choralrhythmus. Jahrbuch der Musik¬ 
bibliothek Peters, Jahrgang 12 (1906). 

— Handbuch der Musikgeschichte Bd. I, 2. Teil: Die Musik des Mittelalters 
(bis 1460). Leipzig 1906. 

Ritter, 0., Die Geschichte der französischen Balladenform. Diss. Jena 1914. 

Römer, L., Die volkstümlichen Dichtungsarten der altprovenzalischen Lyrik. 
In Stengels „Ausgaben und Abhandlungen aus dem Gebiet der romanischen 
Philologie“ nr. 26. Marburg 1884. 

Salverda de Grave, J. J., Observations sur le texte de la Chanson de 
Guillaume, les refrains. Neophilologus I (1916). 

— Quelques observations sur les origines de la po4sie des troubadours. 
Neophilologus III (1918). 

Sardou, Le martyre de Sainte Agnös, mystöre en vieille langue proven<;ale. 
Paris 1877. 

Schläger, G., Studien über das Tagelied. Diss. Jena 1896. 

— Über Musik und Strophenbau der französischen Romanzen. In: „For¬ 
schungen zur romanischen Philologie, Festgabe für Suchier“. Halle 1900. 


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xn 

Schläger, G., Zur Rhythmik des altfranzösischen epischen Verses. ZrP 35 
(1911). 

Schultz-Gora, 0., Der Kurzvers im Folcon de Candie der Bologner Hs. 
Nr. 192. ZrP 24 (1900). 

Schürr, Fr., Das altfranzösische Epos. München 1926. 

Schwan, Ed., Zu den ältesten französischen Denkmälern. IV. Sponsus. 
ZrP 11 (1887). 

Sepet, M., De la laisse monorime des chansons de geste. Bibliothöque de 
l’Ecole des Chartes 40 (1879). 

Spanke, H., Das öftere Auftreten von Strophenformen und Melodien in der 
altfranzösischen Lyrik. ZfSL51 (1928). 

— Eine altfranzösische Liedersammlung. Romanische Bibliothek 22. Halle 
1925. 

Stengel, Ed., Romanische Verslehre. Gröbers Grundriß II. bd., 1. abt. 
Straßburg 1902. 

Stumpf, C., Die Anfänge der Musik. Leipzig 1911. 

Suchier, H., Der musikalische Vortrag der Chansons de geste. ZrP 19 (1895). 

— -Birch-Hirschfeld, Geschichte der französischen Literatur. Leipzig 
und Wien 1900. 

— La Chamjun de Guillelme Bibi. Norm. 8. Halle 1911. 

Suchier, W., Rezension von Gennrich, Der musikalische Vortrag der alt- 
französischen chansons de geste. Archiv 147 (1924). 

— Rezension von Gennrich, Die altfranzösische Rotrouenge. Archiv 152 
(1927). 

Thurau, G., Der Refrain in der französischen Chanson. Literarhistorische 
Forschungen 23. Heft. Berlin 1901. 

Tiersot, J., Historie de la chanson populaire en France. Paris 1889. 
Viereck, H., Über den Abschluß der Tiraden im altfranzösischen Rolands¬ 
liede und in anderen altfranzösischen Epen. Diss. Greifswald 1902. 
Voretzsch, K., Einführung in das Studium der altfranzösischen Literatur. 
Halle 8 1925. 

— Alter und Entstehung der französischen Heldendichtung. Archiv 134(1916). 
Wackernagel, W., Altfranzösische Lieder und Leiche. Basel 1846. 

Wolf, F., Über die Lais, Sequenzen und Leiche. Heidelberg 1841. 

Wolf, Joh., Die Musiklehre des Johannes de Grocheo. Sammelbände der 

internationalen Musikgesellschaft bd. I, 1. heft. Leipzig 1899. 

Wundt, W., Völkerpsychologie bd. III: Die Kunst. Leipzig 2 1908. 


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Einleitung. 


1. Wichtigkeit der poetischen form. 

Für die geschichte der poesie ist das Studium der äußeren 
form ebenso wichtig wie ihre rein literarische behandlung; 
denn die äußere form ist für diese genau so charakteristisch 
wie ihr innerer gehalt. Will man die anfänge der franzö¬ 
sischen poesie verstehen, so hat man also auch hier der form 
die gebührende aufmerksamkeit zu schenken. Besonders 
interessant sind die formen der ursprünglich echten, nicht 
künstlich gemachten poesie. Nicht zufall oder Willkür spielen 
hier die rolle, sondern innerliche notwendigkeit, welche die 
langsame bildung und entwicklung der formen bedingt. Es 
muß daher unterschieden werden zwischen den formen der 
volksmäßigen dichtungen und ihrer organischen entwicklungs¬ 
reihe und der zu gleicher zeit bestehenden höher entwickelten 
gelehrten- oder kunstpoesie. 

. 2. Heranziehen der musik. 

Will man die metrische form einer mittelalterlichen dich- 
tung untersuchen, so hat man sich auch mit dem faktor zu 
beschäftigen, der ihr zugrunde liegt. Dieser faktor ist die 
musik; denn alle dichtungen der damaligen zeit wurden ge¬ 
sungen. Die geschichte der poesie ist also unzertrennlich mit 
der versifikation und diese mit der geschichte der musik ver¬ 
bunden. Im mittelalter hat im literarischen leben die musik 
eine weitaus größere rolle gespielt, als es je nachher der fall 
gewesen ist. In gleicher weise hat man daher bei der Unter¬ 
suchung des mittelalterlichen liedes den text und die musik 
zu berücksichtigen. Von verschiedenen seiten ist der wert der 

Störost, Geschichte der Romanzenstrophe. 1 


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9 


musikalischen forschung für die Strophenentwicklung betont 
worden. Ich erinnere hier nur an die arbeiten von Galino, 
Schläger, Spanke und Gennrich, die alle zeigen, daß ein 
ursprünglicher parallelismus zwischen dem reimschema und 
der musikalischen architektonik bestand. Wollen wir also zu 
einem Verständnis der romanischen Strophenbildung ge¬ 
langen, so müssen wir uns immer des engen Zusammenhanges 
zwischen der Strophe und ihrer musik bewußt sein. In seinem 
aufsatz: „Die Musik als Hilfswissenschaft der Philologie in 
bezug auf das mittelalterliche Lied“ betont Kossmann 1 ) die 
Wichtigkeit der musik für die metrik. „Ja“, sagt er, „man 
kann sagen, all unser wissen darf nur von dorther kommen. 
Zur Charakteristik einer jeden strophenform sehen wir uns 
auf die geschichte der Strophe überhaupt zurückgewiesen, die 
entwicklung der Strophe kann aber nur auf musikalischem 
gebiet liegen.“ 

Im 19. Jahrhundert hat man die musik der altfranzö¬ 
sischen dichtungen so gut wie ganz vernachlässigt. Die 
meisten melodien waren noch in den manuskripten versteckt 
und schlummerten dort. Die Unsicherheit und Schwierigkeit 
der Übertragung dieser musik in unser modernes notensystem 
erschwerte ihr Verständnis. Erst in der letzten zeit begann 
der schieier, welcher die mittelalterliche musik bisher ver¬ 
deckte, allmählich sich zu lüften. Und auf dieser grundlage 
bauten sich dann die neueren arbeiten bezüglich der alt¬ 
französischen strophenformen auf, die ergebnisse gezeitigt 
haben, die auf nichtmusikalischem wege gar nicht möglich 
gewesen wären. 

Wenn auch heute der text der ältesten altfranzösischen 
profandichtungen mehr die aufmerksamkeit auf sich zieht als 
ihre musik, so liegt das daran, daß die damalige musik ein 
anderes kunstverständnis, oder besser gesagt, ein anderes 
musikalisches denken voraussetzt, als wir es heute besitzen. 
Die häufigen melodieWiederholungen, welche die damaligen 
musikalischen formen charakterisieren, wirken für uns zwar, 
oberflächlich betrachtet, monoton und oft nichtssagend, sie 

1) a. a. o. s. 7. 


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3 


entsprachen aber dem geschmack und der musikalischen 
denkungsart des damaligen menschen, und dieser fand sie 
keineswegs monoton oder langweilig. Uns bleibt also nichts 
weiter übrig, als zu versuchen, uns in das damalige musi¬ 
kalische empfinden hineinzudenken. Dann erst verstehen wir 
die altfranzösische poesie ganz. 

Eine wichtige rolle spielt die musik in dem streit zwischen 
Gaston Paris und Pio Rajna über die ursprüngliche be- 
grenzung der Zeilenzahl der laisse. Diese frage ist nur mit 
hilfe der musikwissenschaft zu lösen, wie wir am ende des 
1. kapitels sehen werden. 

3. Ohne berücksichtigung der musik oft falsche ergebnisse. 

Noch Stengel (Romanische Metrik) glaubt, daß die 
musik uns wenig helfen kann, und er will nur aus einer Zer¬ 
gliederung der Strophen selbst aufschlüsse über ihre ent- 
stehung erwarten. Wie gefährlich dies ist, zeigt ein vergleich 
seiner ergebnisse mit denen der neueren forschung. Zur er- 
klärung der romanzenstrophe geht Stengel z. b. von der 
form a 8 b 8 aus. Durch teilung der ersten zeile mit einführung 
von binnenreim würden wir a 4 a 4 b 8 erhalten. Teilen wir dann 
noch die zweite langzeile, so würde a 4 a 4 a 4 b 4 entstehen. Wird 
die letzte zeile dann als refrain beibehalten, so ergibt sich 
a a a B. Diese ableitung ist ganz logisch und hat einen an- 
schein von richtigkeit, sie entspricht aber durchaus nicht der 
wirklichen entwicklung. 

Boucheries erklärung der form a 8 a 8 a 8 b 4 c 8 b 4 bei dem 
Grafen von Poitiers 1 ) ist auch nur rein logisch und führt 
bei nichtbeachtung der musikalischen Verhältnisse daher zu 
völliger Verwischung der form. Er will dies Schema durch 
zeilenteilung aus a 8 a 8 b 12 b 12 entstehen lassen. Ebenso ist 
eine erklärung von a a a b a b aus einer vierzeiligen Strophe 
mit refrain: aaaaBB, aus der diese form durch reim- 
umstellung entstehen soll, abzuweisen; denn das musikalische 
Schema, das doch unzweifelhaft parallel geht, läßt sich nicht 
ohne weiteres so behandeln. 

1) Revue des langues romanes 1882, 3® s6rie, t. VII. 

1 * 


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4 


Große Schwierigkeit hat bisher die rein metrisch-formale 
erklärung des weiblichen, reimlosen sechssilbners verursacht, 
der die laissen einer anzahl altfranzösischer epen abschließt. 
Meistens wurde angenommen, daß er eine vershälfte des zehn- 
silbners darstelle, der durch die zäsur in 4 + 6 oder 6+4 
Silben geteilt wurde. Ziehen wir aber die musik zur hilfe 
heran, so sehen wir, daß auch diese hypothese nicht standhält. 
Und ein zwingender grund für diese sonderbare erscheinung 
ist auch nicht vorhanden. Raynouard hilft sich mit der 
bemerkung, daß der jongleur auf diese weise den Zuhörern 
kundgab, daß er zu einer neuen reimfolge überging. Aber 
auch diese erklärung scheint uns heute sehr gezwungen und 
unnatürlich und besagt gar nichts. Ein bedürfnis, die zuhörer 
auf etwas metrisches aufmerksam zu machen, hat doch sicher¬ 
lich nicht bestanden. Eine andere möglichkeit, die herkunft 
des abschließenden kurzverses zu erklären, scheint in der 
ältesten altfranzösischen lyrik, den romanzen, zu liegen; denn 
die altfranzösischen romanzen zeigen metrisch dieselben Ver¬ 
hältnisse wie das epos, nämlich einassonanzige laissen mit 
abschließendem kurzvers. Doch gerät man hier in eine Sack¬ 
gasse; denn die musikalischen Verhältnisse zeigen eine klare 
entwicklung der romanzenform aus der der laissen. 

4. Frage nach der Volkstümlichkeit der romanzen. 

Die frage nach der Volkstümlichkeit der romanzen wird 
sich auf musikalischem wege auch verhältnismäßig leicht 
lösen lassen. Die rein textliche forschung hat die romanzen 
als reine volkspoesie hingestellt. Ein vergleich der romanzen- 
melodien mit der des Audigier z. b. oder anderer reiner Volks¬ 
musik läßt jedoch einige zweifei über die volksmäßigkeit der 
romanzen aufkommen. 

5. Vergleichende musikwissenschaft zur erschließung der form 

der altfranzösischen Volksdichtung. 

Wollen wir gar versuchen, die form der altfranzösischen 
wirklichen volkspoesie zu erschließen, so können wir der 
musikwissenschaft, besonders der vergleichenden, nicht ent- 
raten. Ja, ohne diese ist es überhaupt unmöglich, sich irgend- 


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wie an diese frage heranzuwagen. Es gibt zwei wege, die zur 
erschließung der ältesten form der poesie des französischen 
Volkes führen. Erstens zeigt uns die vergleichende musik- 
wissenschaft, daß hei anderen Völkern, die heute noch auf 
gleicher entwicklungsstufe wie die damaligen Franzosen stehen 
und sich in dieser beziehung leicht beobachten lassen, auch 
dieselben musikalischen Verhältnisse vorliegen. Wir können 
uns daher analogieschlüsse von dieser seite erlauben. Auf 
der anderen seite finden sich in der überlieferten altfran¬ 
zösischen poesie die verschiedensten, kaum beobachteten 
spuren, die zur erschließung der vorliterarischen dichtungs¬ 
formen führen können. Stimmen nun die ergebnisse beider 
wege überein, so können wir mit Sicherheit annehmen, daß 
die so erschlossene form auch tatsächlich die richtige ist. Die 
verschiedenen arbeiten über den musikalischen vortrag der 
Chansons de geste 1 ) führten denn auch zu denselben ergeb- 
nissen, wie sie uns noch viel klarer die vergleichende musik- 
wissenschaft gelehrt hat. In gewissen punkten müssen sich 
beide methoden ergänzen; denn einzelheiten, die auf der einen 
seite nicht so scharf hervortreten, sind auf der anderen ganz 
klar ersichtlich. 

6. Aufstellung einer relativen Chronologie. 

Nun fragt man sich, wozu ist es nötig, diese alten nicht¬ 
überlieferten volksformen zu erschließen. Wir brauchen sie 
aber als grundlage, um auf ihnen die entwicklung der späteren 
formen aufzubauen, die uns als die ältesten überlieferten 
stücke erscheinen; denn ebensowenig wie auf anderen ge¬ 
bieten fand auch bei der herausbildung der Strophenformen 
irgendeine Zerstörung oder gewaltsame künstliche Schaffung 
statt. Überall können wir ein langsames wachsen der einzelnen 
formen auseinander beobachten, die dann allmählich zu der 
wunderbaren fülle von formen führen, wie sie uns die trouba- 
dour- und trouv&rezeit bietet. Daß die ältesten vorhandenen 
dichtungen nicht die anfänge darstellen, ist nicht bloß aus 
der form, sondern auch aus ihrem gedankengehalt und an 

1) Suchier, Beck, Gennrich. 


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6 


der ausbildung ihrer poetischen spräche zu erkennen. Unsere 
aufgabe soll es nun sein, die entwicklung der formen der alt¬ 
französischen poesie bis zur herausbildung der romanzen- 
strophe, die bisher als die älteste form angesehen wurde, zu 
zeigen und die spuren dieser romanzenstrophe in der dann 
folgenden kunstlyrik zu verfolgen. Selbstverständlich läßt 
sich nicht eine absolute Chronologie der einzelnen über¬ 
lieferten dichtungen aufstellen, da viele stücke außer dem 
Schluß auf das alter der handschrift so gut wie keinen sicheren 
Schluß auf ihr alter selbst erlauben; denn in der gleichen 
handschrift können sich alte und neue stücke nebeneinander 
finden. Und ein dichter oder eine dichtergruppe kann schon 
anders entwickelt sein als zur selben zeit ein anderer oder 
eine andere gruppe. Auch kann ein höherstehender dichter 
eine form, die einem etwas tieferen entwicklungsstand ent¬ 
spricht, verwenden. Dagegen läßt sich eine relative zeitliche 
reihenfolge der einzelnen neu zu der ursprünglichen volks¬ 
form hinzutretenden züge feststellen. Wir werden dabei 
sehen, daß die meisten der neu hinzutretenden eie mente von 
außen kommen, d. h. von der damals neben der Volksdichtung 
existierenden, schon viel weiter entwickelten geistlichen 
poesie. 

Die entwicklung der epik und lyrik findet zunächst ge¬ 
meinsam statt. Bei einem gewissen punkte trennen sich aber 
beide. Die epik sagt sich von der musik los, da ihre tradi¬ 
tionelle form eine Weiterentwicklung gemeinsam mit der fort¬ 
schreitenden musik nicht zuläßt. Die lyrik dagegen, die enger 
mit der musik verbunden ist, nimmt an der entwicklung der 
musik teil und bildet durch diese ihre eigenartigen formen 
heraus, bis sie dann bei zu starkem fortschreiten der musik 
und bei allmählicher trennung der Schemata beider sich nun 
auch ihrerseits von dieser loslöst, d. h. wenn die lyrischen 
gedichte auch noch gesungen wurden, so laufen die musi¬ 
kalische und die metrische architektonik oft nebeneinander 
her, ohne formal die alten inneren Zusammenhänge zu zeigen. 


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Kapitel I. 


Die grundlage der entwicklung: 

das litaneienprinzip. 

1. Seine bedentung. 

Die Untersuchungen, die von philologischer Seite über 
den vortrag der altfranzösischen epen gemacht worden sind, 
zeigen ein ganz eigenartiges ergebnis: alle die vielen verse 
eines epos wurden nach einer einzigen melodie gesungen. 
Diese art des vortrages überrascht uns zunächst; denn nach 
unserem gefühl müßte auf diese weise eine geradezu unerhörte 
monotonie entstehen. Für Völker auf niederer musikalischer 
entwicklungsstufe ist dies aber die normale musikalische 
ausdrucksweise. Und so wird es uns nicht weiter wundern, 
wenn wir genau dasselbe prinzip auch bei anderen Völkern 
i nden, die auf derselben stufe stehen wie die damaligen 
Franzosen. Es bringen also diese arbeiten nur eine neue be- 
stätigung für dies dem vergleichenden musikforscher wohl- 
bekannte entwicklungsgeschichtliche konstruktionsprinzip. 
Mit dessen wesen wollen wir uns in diesem kapitel näher be¬ 
schäftigen; denn seine kenntnis ist für das Verständnis der 
entwicklungsstufe der altfranzösischen Volksmusik unent¬ 
behrlich und grundlegend. Es bietet uns den Schlüssel für 
alle weitere entwicklung. Und viele Züge*. die in der alt¬ 
französischen musik nicht oder nicht deutlich zutage treten, 
lassen sich bei der musik anderer Völker gut beobachten. 
Lach bezeichnet dieses moment der Wiederholung als „eins 
der wichtigsten und grundlegendsten musikalisch-formalen 
konstruktionsprinzipien, wenn nicht überhaupt das wichtigste, 


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das grundprinzip aller musikalischen architektonik und 
form“ 1 ). Dies sog. litaneienprinzip — der name stammt von 
der altchristlichen form der litanei, die auch auf diese art 
gesungen wurde — ist in der allgemeinen musikalischen ent- 
wicklungsgeschichte psychologisch tief begründet. Es ist ein 
allgemeines musikalisch - entwicklungsgeschichtliches Phä¬ 
nomen, das ohne unterschied der rassen und Völker überall 
auftritt. Wir finden es in den frühen Stadien der europäischen 
musik ebenso wie heute noch bei zahlreichen außereuro¬ 
päischen kultur- und halbkulturvölkern, selbstverständlich 
auch bei allen primitiven. Ja sogar bei den tieren ist es vor¬ 
handen. Nicht nur phylogenetisch, sondern auch onto- 
genetisch tritt diese erscheinung zutage. Bei den kindern 
unserer kulturnationen zeigt es sich oft, wenn ihr musi¬ 
kalisches denken die entsprechende ent wicklungsstufe erreicht 
hat. Auch bei erwachsenen kulturmenschen, allerdings nur 
in pathologischen zuständen, ist dies phänomen gelegentlich 
zu beobachten. Das Vorkommen des litaneienprinzips hat 
seinen grund in der Schwerfälligkeit und langsamkeit des 
musikalischen denkens sowie in dessen enger begrenzung, 
wodurch die musikalische erfindung auf ein minimum redu¬ 
ziert wird. Der Sänger oder musiker auf dieser stufe wieder¬ 
holt weisen, die ihm von alters her überliefert sind. Er ist 
unfäh'g den musikalischen gedanken weiterzuspinnen. Er 
kann ihn nur in monotoner weise wiederholen. 

2. Allgemeiner Charakter des litaneienprinzips. 

Der Charakter des litaneienprinzips besteht darin, daß 
dieselbe kurze melodische phrase beliebig oft hintereinander 
wiederholt wird. Die allerprimitivste form ist der schrei der 
tiere, der immer in fast unveränderter form auftritt. Eine 
etwas höhere stufe stellt die tiermusik dar, in der schon 
wirkliche, allerdings sehr kurze tonfolgen verwendet werden. 
Auf dieser stufe stehen die vögel mit ihren gesängen, an¬ 
gefangen vom gackern und krähen des huhns bis zum ent¬ 
wickelten gesang unserer Singvögel. Die primitivsten men- 

1) Wiener Sitzber. 183, s. 41. 


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sehen (z. b. die Weddas) kommen in ihren gesängen nicht 
über einige wenige, eng nebeneinanderliegende töne hinaus. 
Ihre litaneien stehen fast auf gleicher stufe wie die der tiere. 
Oft besteht der gesang der primitiven nur aus der Wieder¬ 
holung eines und desselben tones oder einiger ganz weniger 
töne. Dies sind die allerersten anfänge einer musikaüschen 
architektonik. Je besser das denken bei den höher organi¬ 
sierten halbkulturvölkern ausgeprägt ist, um so mehr prägt 
sich der typus der litaneien aus, der dem unseres mittelalters 
immer näher kommt. Der tonumfang solcher primitiven 
litaneien ist zunächst ganz gering. Die wenigen töne, die sie 
enthalten, gruppieren sich um einen mittelton herum. Eine 
strengere rhythmische gliederung ist oft nicht nötig. Die 
melodische phrase paßt sich dabei dem zu singenden text an, 
so daß auch eine verschiedene anzahl textsilben solcher litanei 
untergelegt werden kann. Diese werden dann auf die töne 
so verteilt, daß die reihenfolge der tonstufen bewahrt bleibt; 
die überschüssigen Silben werden einfach durch tonwieder- 
holungen untergebracht. Fehlen einige Silben, so wird die 
melodie zusammengezogen, indem z. b. ein ton länger aus¬ 
gehalten wird. Solche beispiele von litaneienformein finden 
sich in allen zonen der erde wieder, wo Völker leben, die auf 
der entsprechenden archaischen oder frühen entwicklungs- 
stufe stehen. Die Weddas auf Ceylon, die Neger in Afrika, 
die Eskimos, die asiatischen halbkulturvölker, die Völker 
des Großen Ozeans, die Indianer und viele andere: alle singen 
sie nach dieser art. Als beispiel diene eine Weddamelodie, die 
unzählige male wiederholt wird (Stumpf s. 110): 


0 q k , , 

1 . . fl 


1 

•TI 

fT) 4 A m J * J 


J J ^ • 11 


XZM 

9 • O TI 


Ein anderes Weddalied ist folgendes (Stumpf s. 110): 

1) Das Wiederholungszeichen bedeutet in solchen fällen immer, daß 
die melodie nicht einmal, sondern vielfach wiederholt wird. 


USW. 



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Bei der zweiten melodie sehen wir, wie bei der Wiederholung 
kleine abänderungen, die durch den text bedingt sind, statt¬ 
finden können (Wiederholung einer note). Auch braucht die 
tonhöhe nicht immer die gleiche zu sein. Man vergleiche nur 
den letzten takt der Wiederholung (b statt a; b statt c). 
Übrigens haben beide zitierte Weddamelodien große ähnlich- 
keit, ja man kann sagen, sie sind identisch, denn die kleinen 
Varianten sind ja durch den text bedingt. So scheinen die 
Weddas nur wenige melodietypen zu besitzen, die sie für ver¬ 
schiedene texte verwenden. Die Andamanen (Andamanen- 
Inseln, Britisch-Indien) singen z. b. folgende litanei (Stumpf 
s. 114): 



Diese sehr kurze, nur aus drei tönen bestehende, wird bei 
den Eskimos gesungen (Wundt s. 468): 



Epen, die nach solchen litaneienformein abgesungen werden, 
besitzen neben anderen derartigen Volksliedern die Finnen, 
Esten, Russen, Serben, Kroaten und andere Völker. Auch 
die epen der alten Germanen werden so gesungen worden sein. 

Eine uralte litanei hat sich in einem deutschen kinderlied, 
dem sog. „Wundsegen“ erhalten, wo immer dieselbe kurzzeile 
wieder kehrt: 



Hei - le hei - le se - gen, 

Mor - gen gibt es re - gen, 


Ü - ber - mor - gen gibt es schnee, 

Hat das kind - lein kein weh-weh. 


Auch in der altchristlichen kirche wurde dieses gestal- 
tungsprinzip angewandt. Die alten kyrie-eleison-formeln wur¬ 
den z. b. so gesungen (Lach, Wiener Sitzber. 189, s. 32f.). 
Das bekannteste beispiel neben vielen anderen ist das be- 


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rühmte Te deum laudamus , bei dem folgende melodie ver 
wandt wurde: 



Te De-um lau-da - mus. Te Do-mi-num con - li - te - mur. 


Nicht nur in der frühzeit des mittelalters begegnen uns 
solche litaneien, sondern auch ganz besonders im späteren 
profanen und geistlichen Volkslied. Ich nenne hier als beispiel 
ein katholisches kirchenlied aus dem 13. Jahrhundert: „Es 
sungen drei Engel einen süßen Sang” 1 ), dessen schier zahllose 
textstrophen alle nach einem kurzen motiv von vier takten ab¬ 
gesungen wurden. Dasselbe Verhältnis zeigen die noch jetzt 
gesungenen sog. schnitterhüpfel oder schnaderhüpfel mit ihrer 
unendlichen zahl von Strophen. Bei dieser art von liedem 
erstreckt sich die litanei schon über mehrere verse, d. h. der 
musikalische horizont ist bei dieser entwicklungsstufe bereits 
etwas erweitert. Es werden also im Verhältnis zu den alten 
litaneien schon längere melodien erfaßt und gebraucht. Eine 
weitere höhere stufe stellen die heutigen strophischen Volks¬ 
lieder der kulturnationen dar, bei denen die litanei sich über 
noch mehr verse erstreckt und eine oft längere Strophe um- 
faßt. Das prinzip des litaneiengesanges hat sich also im volke 
bis heute erhalten. 

In idealer weise lassen sich die litaneienförmigen volks- 
gesänge bei gewissen Stämmen der finnisch-ugrischen völker- 
familie (besonders bei den Syrjänen, Permiaken und Mord¬ 
winen, auch in den allerältesten estnischen gesängen) und bei 
den Kaukasusvölkern (z. b. Pschawen) beobachten. Ihre 
musik ist zur bildung von analogieschlüssen auf die alt¬ 
französische Volksmusik besonders geeignet. Lach hat an- 
gehörige dieser Völker in bezug auf das musikalische ihrer 
Volkslieder untersucht und seine ergebnisse in mehreren ab- 
handlungen niedergelegt. Die lieder dieser Völker bestehen 
aus kurzen andauernd wiederholten melodischen Sätzen in 
der länge von ungefähr 6 bis 13 Silben. Solche litaneienformel 
sieht z. b. so aus (Lach, Wiener Sitzber. 203, s. 72): 

1) Noten dazu bei Lach, Wiener Sitzber. 189, s. 34. 


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0 




oder (Lach, Wiener Sitzber. 203, s. 71): 



Ein mordwinischer gesang braucht folgende litanei (Lach, 
Wiener Sitzber. 189, s. 62): 


und ein pschawisches bauernlied (Lach, Wiener Sitzber. 183, 
s. 61): 




3. Anpassung an den text und abänderungsfähigkeit der 

melodie. 

Die angehörigen dieser Völker improvisieren meistens den 
text ihrer lieder, den sie dann einer ihnen bekannten und im 
volke verbreiteten melodie unterlegen. So ein volkssänger 
strebt danach, die kurzen Sätze, die er bildet, in bezug auf 
ihre länge mit dem melodischen Schema in einklang zu bringen. 
Dabei ist es nur zu natürlich, daß in seinem text die silben- 
zahl nicht immer genau mit der der melodischen formel über¬ 
einstimmt. Dieser Zwiespalt wird durch die fähigkeit der 
litaneienformein, sich in gewissem umfange zu dehnen oder 
zusammenzuziehen, ausgeglichen, indem, wie ich vorher schon 
sagte, durch tonwiederholungen, dehnen der töne oder kleine 
melismen die konkordanz zwischen text und musik wieder 
hergestellt wird. Die oben schon zitierte litaneienformel eines 
permiakischen gesanges (Lach, Wiener Sitzber. 203, s. 72): 



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kann z. b. in den nächsten zeilen folgendermaßen gesungen 
werden: 



und ähnlich. Daß auch stärkere Zusammenziehungen statt¬ 
finden, zeigt eine andere permiakische liedformel (Lach, 
Wiener Sitzber. 203, s. 69f.): 



Einige Wiederholungen in den ihr folgenden textzeilen 
möchte ich hier angeben: 



In der letzten eben gegebenen formel werden drei töne aus¬ 
gelassen, dementsprechend der schlußton eine längere Zeit¬ 
dauer einnimmt. Am kürzesten ist diese in der ersten zeile 
acht Silben aufweisende melodie in der gestalt: 



Hier ist die silbenzahl auf die hälfte der ersten zeile reduziert. 
Dies sind ungefähr die hauptabänderungen, die dies lied auf¬ 
weist. Neben diesen bestehen natürlich noch viele andere, 
die geringfügiger sind. Die in reicher fülle von Lach ge¬ 
sammelten lieder dieser art zeigen alle mehr oder weniger 
diese erscheinung, welche, wie wir nachher sehen werden, in 
der altfranzösischen Volksmusik auch vorhanden sein mußte, 
da bestimmte spuren darauf hindeuten. 

4. Ungenauigkeit in der tongebung und tonvorstellung. 

Eine andere eigenschaft solcher primitiven gesänge ist 
die, daß bei der Wiederholung ein bestimmter ton in seiner 


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tonhöhe schwanken kann, ohne daß der Sänger dies empfindet. 
Der ton b z.b. kann bei der Wiederholung gleich h, a, as sein 
oder zwischen diesen tönen liegen. Übertragen wir dies auf 
eine melodische phrase, so ergibt sich, daß z. b. eine tonfolge: 
a c h a g bei ihren Wiederholungen etwa so klingen mag: 
a cis h a g, a c b as g, a c b a gis usw. Es ist nebensächlich 
für dies musikalische empfinden, ob ein bestimmter tonschritt 
eine quarte, eine kleine oder große terz ist. Die terz kann 
auch z. b. zwischen großer und kleiner liegen, also neutral 
' sein. Desgleichen kommen Verschiebungen, geringe erniedri- 
gungen oder erhöhungen und ziehen der töne (art güssando) 
vor. Für unser gefühl ist diese musik also unrein. Wesentlich 
bleibt nur die allgemeine musikalische Struktur, die andeutung 
der melodischen linie. 

Ein bedürfnis, diese melodien aufzuschreiben, besteht 
bei dieser entwicklungsstufe noch nicht. Erst wenn das all¬ 
gemeine geistige niveau höher entwickelt ist, tritt auch dies 
bedürfnis auf. 

5. Begrenzung des musikalischen horizonts. 

Wie wir gesehen hatten, zeichnen sich die Völker¬ 
schaften, bei denen die lieder nach dem litaneienprinzip ge¬ 
sungen werden, durch Schwerfälligkeit und armut ihres musi¬ 
kalischen denkens aus. Dies ist unzertrennlich mit diesem 
Wiederholungsmoment verwachsen. Die menschen dieser 
musikalischen entwicklungsstufe sind nicht fähig, sich irgend¬ 
wie in ein höheres musikempfinden hineinzudenken. Sie 
können weder melodien geistig auf nehmen, verstehen oder 
gar nachsingen, die ihren engbegrenzten musikalischen hori- 
zont überragen, noch sich solche melodien vorstellen oder 
gar einprägen. Will ein solcher mensch ein lied einer höheren 
entwicklungsstufe übernehmen, und sei es innerhalb dieser 
nur das einfachste Volkslied, und es nachsingen, so tut er dies 
in der weise, daß er den anfang der betreffenden melodie, 
etwa den ersten oder die beiden ersten takte, je nach seiner 
aufnahmefähigkeit, als litanei singt, also ihn fortwährend 
wiederholt. Der übrige teil der ursprünglichen melodie bleibt 
seiner aufnahmefähigkeit verschlossen und wird ohne weiteres 


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fortgelassen. Diese art der musikalischen „bearbeitung“ einer 
melodie konnte Lach bei angehörigen der finnisch-ugrischen 
Völkerfamilie in ausgezeichneter weise beobachten. Ein Mord¬ 
wine oder Syrjäne z. b., der ein russisches Volkslied singen 
wollte, wiederholte ununterbrochen die ersten töne dieser 
melodie, bis er dazu die worte der mordwinischen oder syr- 
jänischen Übersetzung abgesungen hatte. Diese erscheinung 
zeigt ganz deutlich, wie engbegrenzt der umfang des musi¬ 
kalischen fassungsvermögens auf dieser stufe ist. 



Gegenseitiger ausschluß der 


II 


usikalisehen denkarten. 


Das litaneiensingen schließt also jedes höhere oder um¬ 
fangreichere musikalische denken aus. Es ist die einzige musi¬ 
kalische form, die auf dieser stufe in betracht kommt. Natür¬ 
lich können angehörige einer höheren entwicklungsstufe zu 
litaneien, die ihrem musikalischen empfinden nicht allzuweit 
entfernt liegen, herabsteigen, wie etwa heute der musikalisch 
hochgebildete noch strophische Volkslieder singen kann, oder 
der mittelalterliche geistliche musiker die volkslitaneien, die 
er an wandte, um in gewissen fällen dem musikalisch unge¬ 
bildeten volk die teilnahme am gesange oder dessen Ver¬ 
ständnis zu ermöglichen. Dies hindert aber nicht, daß der 
höherstehende auf das niedere niveau mehr oder weniger 
herabblickt oder als einfacher oder unkünstlerisch empfindet. 
Im mittelalter verachteten die geistlichen und die gebildeteren 
höfischen kreise oft die Volkslieder wohl auch deswegen, und 
heute wird kein großer komponist noch solche litaneien er¬ 
finden, es sei denn, daß er absichtlich für das volk schafft 
und seine form nachahmt. Umgekehrt ist es auch noch heute 
so, daß ein musikalisch ungebildeter mann aus dem volke 
nicht z. b. eine Symphonie aufnehmen kann. Wir sehen also 
heute noch dasselbe Verhältnis wie im mittelalter, nur in 
einem größeren maßstabe. Dieser gegensatz wird allerdings 
— von der höheren stufe aus — dadurch etwas gemildert, 
daß man heute das volksmäßige nicht mehr verachtet, wie 
es im mittelalter der fall war. Vom niederen niveau (Volks¬ 
musik) aus bleibt dieser gegensatz aber doch noch bestehen. 


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7.' Kein abschluß. 

Eine für unsere zwecke wichtige und besonders be¬ 
merkenswerte Charaktereigenschaft der litaneiengesänge dieser 
art ist das gänzliche fehlen eines melodischen abschlusses. Die 
litaneienformel wird so lange gesungen, wie es dem Sänger 
oder den Sängern beliebt. Dann aber bricht der gesang un¬ 
vermittelt ab. Dies zeigen alle die vielen von Lach gesammel¬ 
ten gesänge der finnisch-ugrischen Völker, und bei allen 
anderen halbkulturvölkern ebenso wie bei den primitiven ist 
dies eine eigenschaft, die schon Wundt für diese stufe als 
charakteristisch anführt. So zeigen die in ihrer anordnung 
eine bestimmte litaneienmelodie festlegenden panflöten ge¬ 
wisser Völker 1 ), daß auch bei deren musik kein abschluß vor¬ 
handen ist; denn eine andere melodie, als die so festgelegte, 
läßt sich eben auf solchen instrumenten nicht blasen. 

Auch im heutigen Volkslied der kulturvölker ist diese 
erscheinung zu finden. Die litaneienmelodien sind natürlich 
entsprechend der höheren entwicklung länger und umfang¬ 
reicher, aber das Prinzip bleibt dasselbe. An stelle der selb¬ 
ständigen zeile tritt hier die Strophe, deren mehr oder weniger 
umfangreiche melodie die zu wiederholende litanei darstellt. 
Niemandem wird es einfallen, etwa der letzten Strophe eines 
Volksliedes noch einen besonderen melodischen abschluß zu 
geben. 

8. Der refrain in seinem Verhältnis zur litanei. 

Nachdem wir den allgemeinen musikalischen Charakter 
des litaneienprinzips kennengelernt haben, erhebt sich nun 
eine andere frage, deren erörterung für unsere zwecke be¬ 
sonders notwendig und wichtig ist. Es ist die frage nach der 
art der musikalischen Stellung des refrains beim gesang dieser 
von fremden einflüssen noch unberührten entwicklungsstufe. 

Der litaneiengesang kann dreifacher art sein. Es kann 
erstens ein einzelner Sänger das ganze lied von vom bis hinten 
allein singen. Der text kann aus wenigen Worten bestehen, 
die litaneienförmig wiederholt werden, oder kann improvisiert 

1) Vgl. F6tis I, s. 16—18 und Stumpf s. 37 und 86. 


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sein, wie es z. b. bei. den gesängen der finnisch-ugrischen Völ¬ 
ker oft der fall ist. 

Die zweite art besteht in der gesangsausführung durch 
einen mehr oder weniger großen chor (von 2 individuen an). 
Die worte dieser lieder werden meistens aus einem text ge¬ 
bildet, der dem musikalischen litaneienprinzip ganz parallel 
geht, indem nämlich zu jeder zeile immer derselbe text ge¬ 
sungen wird. Die altchristlichen litaneiengesänge mit dem 
text: Kyrie eleison gehören z. b. hierher. Nach Du Möril 1 ) 
wurde das Kyrie eleison oft bis hundertmal hintereinander 
gesungen. Auf ganz niederer stufe besteht der text bloß aus 
sinnlosen Silben oder interjektionen, bei etwas höherem 
'geistigen niveau aus einem ziemlich gedankenarmen satz 2 ). 
Derselbe text in jeder zeile bleibt erstens aus gedankenarmut 
derselbe, zweitens aber muß er beibehalten werden, da doch 
die schwerfällige masse des chores mitwirkt, die eine Ver¬ 
schiedenheit des textes nicht vertragen kann, wodurch ein 
gemeinsames singen unmöglich würde. Das lied dieser art 
besteht also aus nichts anderem als aus einem fortwährend 
wiederholten refrain. Möglich ist auch, daß bei noch höherer 
stufe der text sich auf mehrere litaneienglieder erstreckt. In 
diesem falle ist der rein intellektuelle horizont etwas erweitert; 
die textliche litanei übertrifft also an umfang die musikalische. 

Die dritte und interessanteste art aber ist die, bei der 
die beiden eben geschilderten arten kombiniert werden, wo 
der gesang auf einen Solisten und auf einen chor verteilt ist. 
Diese art ist nicht die ursprünglichste. Sie setzt ein gewisses 
maß der ent Wicklung auf grund der beiden ersten voraus. Der 
Sologesang und der vom chore gesungene refrain können sich 
in bezug auf die litaneienmelodie verschieden verhalten. Ein¬ 
mal kann sich der solist beständig mit dem chore abwechseln, 
indem beide die gleiche melodie singen. Das Schema dieser 
ausführungsart ist etwa folgendes: Solo: Mel. a 3 ); Chor: 


1) Po6s. pop. lat. s. 74, anm. 2. 

2) Vgl. Bücher 1 s. 76; Lach, Mitt. d. anth. Ges. bd. 60, 8. 31; Lach, 
Handb. d. Musikgesch. s. 7; Stumpf s. 51. 

3) Mit griechischen buchstaben bezeichne ich die melodische phrase. 

8 torost, Geschichte der Romanzenstrophe. 2 


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18 


Mel. a ; Solo: Mel. a; Chor: Mel. a usw. Textlich gestaltet 
sich diese form so, daß meistens der Vorsänger einen satz 
improvisiert, den der chor dann wiederholt. Der Vorsänger 
improvisiert dann einen neuen satz mit ähnlichem sinn. Der 
chor wiederholt diesen und so weiter alle folgenden, ihm vom 
Vorsänger gegebenen Sätze. Ein anderer fall ist der, daß der 
chor nur den ersten satz des Vorsängers singt, den er nach 
allen weiteren improvisationen des Solisten in unveränderter 
weise wiederholt. Schematisch dargestellt würde dies beim 
ersten fall so aussehen: 


a a a a a a a a 

a A>) b B c C d D usw ” 

wobei der chor noch nicht einen refrain im gewöhnlichen 
sinne singt, ober beim zweiten fall: 


a a a a a a 

a A b A c A 


usw. 


(Reim braucht zunächst noch nicht aufzutreten.) Bei tradi¬ 
tionellen, nicht improvisierten gesängen dieser form behält 
der solist seine textzeile bei, ebenso wie der chor, der beständig 
eine andere nicht vom Vorsänger gegebene refrainzeile singt. 
Beide, solist und chor, singen also abwechselnd jeder seinen 
refrain, wobei sie aber dieselbe melodie gebrauchen. Höch¬ 
stens ist eine geringfügige abänderung der chormelodie von 
der des Solisten angängig, die durch den text verursacht wird, 
wenn dieser z. b. in beiden fällen nicht genau dieselbe silben- 
zahl hat. Für diesen fall lautet das Schema: 


a a a a 

A B A B 


usw. oder: 


a ct a a 

A B A B 


usw. 


Nicht ausgeschlossen, aber seltener, ist es ferner, daß der text 

des Vorsängers sich auf mehrere litaneienglieder erstreckt. 

# 

Der chor kann dann entweder einen neuen text als refrain 

* 

1) Die großen buchstaben sollen den refrain andeuten. 


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19 


bringen oder die letzte zeile des Vorsängers wiederholen, was 
schematisch dargestellt so aussehen würde: 

««(...) a 

a b (...) refr. 
oder: ab B 

oder: ab (...) c C. 


In all diesen fällen erstreckt sich der text auf eine vollständige 
litaneienmelodie. Diesen gegenüber steht eine andere gruppe, 
bei der der anteil des Solisten und der des chores jeder für 
sich eine verschiedene melodie hat. Diese melodien sind aller¬ 
dings sehr kurz, *oft nur aus einigen tönen, z. b. zwei, be¬ 
stehend. Die beiden melodien sind darum zu einer einzigen 
größeren zusammenzufassen, die dann die litaneienformel dar¬ 
stellt. Solo- und choranteil verteilen sich also innerhalb einer 
einzigen litaneienmelodie. Es ergibt sich demnach folgendes 
bild: 


aß aß aß 
—- ^ ^ usw. 

7 7 7 


Textlich singt der chor in diese: 
Also: 


II 


falle 


eistens einen refrain. 


a ß 

aB 


aß aß 
CB dB 


USW. 


Einige beispiele mögen das eben gesagte illustrieren. So 
heißt es bei F4tis (bd. 1, s. 29) vom Afrikaner: „H adore le 
chant, et n’a pas devin£ la versification: il improvise quelques 
mots qui n’ont pas plus de rime que de raison, et les r^pöte 
ä sati&ö sur un mode trainant oü chaque phrase se termine 
par un son fortement nasal.“ — „Le soir les villageois, assis 
autour du feu, r^pfctent pendant des heures, avec un plaisir 
toujours nouveau, les mömes notes et les mömes paroles qui 
n’ont aucun sens.“ Die naturvölker legen, wie wir hier sehen, 
auf den sinn ihrer lieder meistens nicht den geringsten wert. 
Sie können darum oft selber nicht auskunft geben über das, 
was sie singen. Die der melodie untergelegten worte oder 
Silben sind dann nur die träger der melodie. Außer den Negern 

2 * 


% 


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20 


Singen so die Australier, Weddas, Maori, Eskimos und viele 
andere. Ein Eskimo, der von der Kotzebueschen expedition 
gefangen wurde, wiederholte ununterbrochen dieselbe phrase 
von ganz wenigen tönen und Worten (Lach, Mitt. d. anthr. 
Ges., bd. 60, s. 36). Die eingeborenen am Gabun wieder¬ 
holten, als man ihnen salz geschenkt hatte, singend und 
tanzend in einem fort etwa die worte: „Der weiße mann ist 
ein guter mann, er hat uns salz gegeben.“ Die Bube auf 
Fernando Po tanzen und singen dazu die andauernd wieder¬ 
holten worte: „Der haifisch beißt des Bube hand“ (Lach, 
Mitt. d. anthr. Ges., bd. 60, s. 36). Und die australischen 
naturvölker singen stundenlang ihren scheidenden freunden 
nach: „Kehre wieder! Kehre wieder!“ (Böckel s. 3). Wir 
sehen aus diesen beispielen, daß der refrain ebenso alt wie 
das Volkslied ist, ja, man kann sagen, die ursprünglichste 
form des Volksliedes überhaupt darstellt. 

Für textimprovisationen, die, von einem solosänger allein 
ausgeführt, sich auf mehrere oder gar eine größere zahl von 
litaneienwiederholungen erstrecken, liefern die von Lach ge¬ 
sammelten gesänge der finnisch-ugrischen Völker eine reiche 
menge beispiele. 

Am wichtigsten sind die beispiele für die dritte gruppe, 
nämlich der kombination der beiden ersten, also der gesänge, 
die von einem Solisten und einem chore gesungen werden. 
Die Eskimos singen z. b. zur zeit der Wintersonnenwende, um 
ihrer freude über die rückkehr des Sonnenlichtes ausdruck zu 
verleihen, folgenden gesang: ein einzelner singt „Die liebe 
sonne kommt zurück!“ Dann antwortet ihm der chor mit 
jauchzendem gesang amna ajah\ ajah\ ahu \, welcher nach 
jedem von dem Vorsänger gesungenen verse wiederholt wird 
(Böckel s. 6). Bei den Botokuden singt ein junges weib: 
„Ich will nicht stehlen“ und der chor wiederholt: „Junges 
weib, nicht stehlen!“ (Wundt s. 329, nach Ehrenreich Z. f. 
Ethnolog. bd. 19 s. 61). Und in Montenegro stimmt beim 
tanz der reigenführer zeile für zeile an, welche dann vom 
chore wiederholt wird (Böckel s. 31). Die von Fetis (bd. 1, 
s. 214—16) und Bücher (6. aufl. s. 488ff.) mit noten mit- 


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21 


geteilten sehr alten traditionellen arbeitslieder aus Ägypten 
gehen eine fülle von interessantem material in dieser be- 
ziehung, das sich noch beliebig vermehren ließe. Noch heute 
werden in Finnland die Volkslieder (ranen) von zwei Sängern 
im wechselgesang ausgeführt, wobei der zweite den chor ver¬ 
tritt. Der eine singt nach einer einfachen, herkömmlichen 
melodie den ersten vers, der vom zweiten Sänger abgeschlossen 
und wiederholt wird. Auf diese weise werden alle folgenden 
verse, die zum teil vom ersten Sänger improvisiert werden, 
gesungen. Auch das finnische nationalepos Kalewala wird in 
dieser art vorgetragen, wobei also jeder vers zweimal nach 
derselben melodie, die für die Wiederholung eine leichte ton- 
veränderung durch die andere stimme zuläßt, gesungen wird. 
Die Esten singen ihre Volkslieder auf gleiche weise: eine Vor¬ 
sängerin stimmt eine zeile an, die der chor dann wiederholt* 
Folgendes lied teilt Stumpf (Anf. d. Mus. s. 196) mit, das 
er im jahre 1887 von einer Singhalesentruppe gehört hat: 



Der chor bewegt sich hier in quartenparallelen, was übrigens 
bei uns im mittelalter auch üblich war (z. b. bei den Kart¬ 
häusermönchen noch im 13. Jahrhundert). Die untere stimme 
behält die tonhöhe des Vorsängers bei, während die obere die¬ 
selbe melodie zu gleicher zeit eine quarte höher singt. Die 
melodien sind also identisch, d. h. solo und chor singen ab¬ 
wechselnd dieselbe litanei. 


9. Erschließung der form der altfranzösischen Volksdichtung 

und ihrer musik. 

a) Vorhandensein des volksgesanges ein postulat der 

entwicklung. 

Nachdem wir nun das wesen des litaneienprinzips kennen¬ 
gelernt haben, wollen wir auf dieser grundlage versuchen, 


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22 


einerseits durch analogieschlüsse die form der nichtüber¬ 
lieferten altfranzösischen Volksdichtung und ihrer musik zu 
erschließen und andererseits aus den überlieferten spuren der 
altfranzösischen Volksmusik durch rückschlüsse zu denselben 
resultaten zu gelangen. Das Vorhandensein des volksgesanges 
vor dem ersten auftreten der schon manche höhere züge auf¬ 
weisenden überlieferten kunstdichtung ist zunächst, wie 
Schläger es ausdrückt (Tagei. s. 22), „ein postulat der 
ganzen literarischen entwicklung.“ Eine gewisse grundlage 
muß vorhanden sein, auf die die weitere entwicklung aufbauen 
kann. Durch gelehrte Übertragung kann man dann eine reihe 
von Zügen erklären, die die alte volkstümliche form auf- 
genommen hat. Unter der Oberfläche der literarischen Über¬ 
lieferung lebt zu allen Zeiten die volkspoesie weiter, die sich 
durch eine ununterbrochene mündliche tradition weiterpflanzt. 
Wir müssen deshalb zu dem Schluß kommen, daß sie beim er¬ 
setzen der Überlieferung und auch vorher schon vorhanden war. 

b) Zeugnisse für das Vorhandensein der volkspoesie. 

Zeugnisse für das Vorhandensein der volkspoesie 1 ) be¬ 
ginnen schon vom 6. Jahrhundert an aufzutreten. Es sind 
dies stellen aus predigten, briefe von kirchenfürsten oder 
konzilbeschlüsse, die sich gegen die Volkslieder wenden, welche 
als ccmtica turpia et obscoena bezeichnet werden. Solche stellen 
finden wir z. b. bei dem 642 gestorbenen bischof Caesarius 
von Arles oder bei dem heiligen Augustinus. Auch das konzil 
von Agde 2 ) wendet sich gegen solche schamlosen liebesgesänge, 
die vom volk zum tanze gesungen wurden. In den kapitu- 
larien Karls des Großen wird verboten, die obszönen Volks¬ 
lieder um die kirchen herum, auf den Straßen und in den 
privathäusern zu singen. Der bischof Hildegar von Maux 
(gest. 876) erwähnt bei seiner lebensbeschreibung des heiligen 
Faro (gest. 672), daß anläßlich des sieges des Frankenkönigs 
Clotars II. über die Sachsen ein lied in der Volkssprache von 

1) Vgl. G. Gröber, Zur Volkskunde, aus Konzilbeschlüssen und Kapitu¬ 
larien. Leipzig 1893. K. Voretzsch, Air. Lit.* s. 69 ff. 

2) Vgl. Tiersot s. 41. 


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23 


nmnd zu mund flog, in dem dieser sieg gefeiert wurde. Einige 
verse davon in lateinischer Umschreibung gibt Hildegar an. 
Dazu sagt er: Ex qua victoria carmen publicum iuxta rustici- 
tatem per omnium paene volitabat ora ita canentium, feminaeque 
choros inde plaudendo componebant. Hoc enim rustico carmine 
placuit ostendere, quantum ab omnibus celeberrimus habebatur. 

Man ist sich nicht ganz einig, ob es sich bei diesem gedieht 
um eine stelle eines wirklichen volksepos handelt, oder ob 
der biograph diese stelle zu ehren des Faro erfunden hat, um 
die allgemeine Verbreitung der freude über diesen sieg dar¬ 
zustellen 1 ). Für ein eigentliches epos spricht jedenfalls das 
händeklatschen und tanzen der frauen nicht. Diesen zug hat 
Hildegar wohl aus den Volksliedern lyrischen Charakters über- 
nommen, die damals meistens tanzlieder waren und auf diese 
art gesungen wurden. Wenn die angegebenen verse wirklich 
eine Umschreibung eines Volksliedes gewesen sind, so ist das 
so zu denken, daß es sich nicht um eine chanson de geste 
im späteren sinne handelt, bei der der ganze hergang der 
schiacht erzählt wurde, sondern man muß es sich als ein 
lyrisch-episches lied vorstellen, das in einigen, wenigen Sätzen 
die gefühlsmäßige freude über diesen sieg ausdrückte. In 
dieser form kann es wohl bestanden haben. Die angabe 
Hildegars spricht für ein chorlied, was in damaliger zeit einen 
ausgesponneneren inhalt wohl nicht zuließ. Es mag sich der 
text nur über eine beschränkte, kurze anzahl verse erstreckt 
haben, der, nachdem er abgesungen war, wohl wieder von vorn 
angefangen wurde. Dies lied ist also auch ein Zeugnis für den 
volksgesang in damaliger zeit. 

c) Ursachen der nichtüberlieferung. 

Mit ausnahme dieses, der kirche angenehmen falles wird 
uns nichts näheres über inhalt und form der damaligen Volks¬ 
lieder mitgeteilt. Die gründe dafür liegen darin, daß das volk 
noch nicht in der läge war, seine lieder schriftlich zu fixieren. 
Auch waren die lieder wohl immer kurz und einfach, so daß 

ein bedürfnis dazu noch nicht vorlag. Daß der klerus, der 
1 1 ^^ 

1) Vgl. K. Voretzsch, Afr. Lit. 3 s. 81 f. 


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24 


damals allein schreibkundig war, diese lieder nicht aufschrieb, 

ist nur zu natürlich, widersprachen sie doch der christlichen 

* 

moral zu sehr. Im gegenteil, er tat alles, um diesen gesang 
zu verhindern und auszurotten. Und die leute, in deren hand 
die Volksdichtung lag, die mimi, histriones oder joculatores, 
zeichneten sich nicht durch einen christlichen lebenswandel 
aus, weshalb sie sich die Verachtung und feindschaft der kirche 
zugezogen hatten. So ist es allein schon aus dem inhalt der 
Volkslieder dieser zeit zu erklären, daß wir darüber in völliger 
Unkenntnis gelassen werden. 

Ein ebenso wichtiger grund für das versagen der Über¬ 
lieferung liegt auf rein formalem gebiet. Die einfache, rohe 

und kunstlose form des Volksliedes mußte bei der auch formal 

# 

gebildeten und anspruchsvollen geistlichkeit Verachtung er¬ 
regen, ja geradezu herausfordern. Daß auch gebildete schreib¬ 
kundige gefallen an obszönen stoffen haben konnten, zeigen 
die Carmina Burana. Diese wenden aber höhere formen an. 
Die rohe form muß also auch ein wesentlicher faktor für die 
nichtüberlieferung gewesen sein. Die kleriker und geistlichen 
musiker waren zu einer höheren musikbildung erzogen und 
sahen auf die bodenständige Volksmusik herab, die sie irgend¬ 
welcher beachtung nicht wert hielten. Sie beschäftigten sich 
vielmehr mit ihrer gelehrten, feineren musik und gebrauchten 
das litaneienprinzip meistens nur bei den für das volk 
bestimmten dichtungen, und hier in einer form, die z. b. 
durch die länge und gleichmäßigkeit der litaneienformel auf 
einer höheren stufe stand als die gewöhnliche volkslitanei. 
Für die historische bedeutung der natürlichen volksformen 
hatte man noch kein Verständnis. 

d) Das litaneienprinzip in der altfranzösischen 

Volksmusik. 

Daß in der altfranzösischen Volksmusik das litaneien¬ 
prinzip geherrscht hat, geht aus allen spuren hervor, die in 
der überlieferten, mehr oder weniger kunstmäßigen musik 
zutage treten. Nehmen wir die romanzen oder das epos und 
abstrahieren von allen künstlich dazugekommenen elementen, 
so bleibt nichts weiter als das litaneienprinzip übrig, dessen 


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25 


allgemeinen Charakter wir schon kennengelernt haben. So 
können wir nach dem vorausgegangenen uns ungefähr ein 
bild von der form des altfranzösischen volksgesanges machen, 
die er notwendigerweise gehabt haben muß. Ein unterschied 
zwischen lyrischer und epischer form hat nicht bestanden, 
wie ja bei den halbkulturvölkem, z. b. den Esten, Finnen, 
Serben usw., lyrik und epik sich auch derselben form bedienen. 
Denn bei Völkern, die auf der entwicklungsstufe des litaneien- 
gesanges stehen, ist dies die allein anwendbare form. 

e) Roher versbau. 

Der versbau wird ein sehr roher gewesen sein. Es mag 
damals nichts ausgemacht haben, wenn der einzelne vers 
einige silben mehr oder weniger hatte, als zu der litaneien- 
melodie eigentlich paßten. Diese Unregelmäßigkeiten wurden, 
wie wir bereits gesehen haben, ohne irgendwelchen anstoß 
zu erregen, durch die fähigkeit der dehnbarkeit oder zusammen- 
ziehbarkeit der litaneienformel ausgeglichen. Assonanz oder 
gar reim werden sich in der ältesten volkspoesie, besonders 
der improvisierten, noch nicht gefunden haben. Die assonanz 
hat dann aber allmählich in der volkspoesie eingang gefunden, 
als diese sich mehr entwickelte, und besonders bei gedichten, 
die nicht mehr improvisiert wurden. 

Noch jetzt, sagt Tiersot (s. 360), sind die Volkslieder 
der französischen bauern durch ihre große metrische un- 
gebundenheit ausgezeichnet: „Ces po&ies sont remarquables 
par leur extreme incorrection. Le vers n’a plus de forme; le 
rhythme, les assonances ont disparu; les Couplets sont m& 
gaux.“ Ebenso kommen auch unaufhörliche verswieder- 
holungen vor. Die phrasen sind kurz und einfach (Tiersot 
s. VII). 

Wenn also die heutigen einfachen bauemlieder noch ähn¬ 
liche formen aufweisen, so müssen die Volkslieder der Alt¬ 
franzosen diese züge in noch viel ausgeprägterem und primi¬ 
tiverem maße gehabt haben. Das einzige band, das diese 
holprigen verse zusammenhielt, war, da die assonanz oft noch 
nicht vorhanden war, daß sie alle nach derselben melodischen 
phrase gesungen wurden, wodurch sie ungefähr dieselbe länge 


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26 


und denselben rhythmus bekamen. Erst ganz allmählich, mit 
zunehmender entwicklung, wurden die verse etwas straffer 
und exakter. Nun erst kann man von „versen“ in unserem 
heutigen sinne sprechen. 

Außer diesen resten des ausgleichs der Unregelmäßig¬ 
keiten der silbenzahl bei dem heutigen französischen Volkslied 
der bauern gibt es noch andere Unregelmäßigkeiten, die aber 
von der metrik längst als korrekt angesehen werden, ohne 
daß man einen tieferen grund dafür gesucht hätte. Hier ist 
zunächst der beliebige Wechsel des männlichen und weiblichen 
reimgeschlechts zu nennen, der so auffällig besonders noch 
bei der altfranzösischen romanzenpoesie auftritt, oder noch 
mehr beim altfranzösischen epos, obwohl doch alle verse nach 
derselben melodie gesungen wurden 1 ). Die epische Zäsur, die 
eine überschüssige unbetonte silbe duldet, zeigt genau dieselbe 
erscheinung, diesmal nur nicht am versende, sondern am 
reihenschluß. Daß diese, in der späteren kunstpoesie immer 
mehr verschwindenden erscheinungen ihren ausgleich durch 
die dehnbarkeit der melodie fanden, ist wohl bekannt. Es 
wurde die letzte note einfach wiederholt 1 ) und die über¬ 
schüssige silbe so melodisch untergebracht, und zwar in genau 
derselben art, wie andere überschüssige Silben im innem des 
verses behandelt wurden. 

Wenn wir in dichtungsarten, die nach dem litaneien- 
prinzip gesungen wurden, also dem volksmäßigen vortrag 
nahestanden, oft unregelmäßig lange (eine oder mehrere 
Silben zuviel oder zu wenig) verse finden, so wird uns das jetzt 
nicht mehr wundern. Irgendwie anstößig waren diese verse 
damals nicht, und sie sind daher nicht als Schreibfehler an¬ 
zusehen, sondern meistens auf rechnung der dichter selbst zu 

1) Auch das rumänische Volkslied zeigt männliche und weibliche vers- 
schlüsse in beliebigem Wechsel (Stengel s. 66). 

2) Vgl. u. a.: die weibliche Zäsur in der Audigiermelodie (vgl. 8. 30), die 
Aucassinmelodien, deren formen Schläger (Romanzen, anh. 8. XXV) sowohl 
für männliche als auch weibliche versausgänge abgedruckt hat, und die 
noten zur romanze En un vergier (Schläger, anh. s. II): im 3. vers 
auf dem wort onde (zäsur nach der 4. silbe). 


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27 


setzen, die ein gleichmäßiges versgefühl, wie es bei uns heute 
selbstverständlich ist, noch nicht besaßen. Wenn wir also 
bei dichtungen, die aus solchen rauhen und unregelmäßigen 
versen bestehen, überall gleiche silbenzahl herzustellen uns 

4 * 

bemühen, so tun wir ihnen unrecht, da wir ihnen so eine 
Charaktereigenschaft nehmen, die ihnen gerade besonders 
eigen war. Dies ist ungefähr dasselbe, als ob man die fakul¬ 
tativen weiblichen Versendungen, die mit männlichen ab¬ 
wechseln, alle in männliche verwandeln — denn auch diese 
wurden früher als textverderbnis angesehen — oder bei der 
epischen Zäsur die überschüssigen Silben unterdrücken wollte. 

Mit noten überlieferte beispiele dieser art sind verhältnis¬ 
mäßig selten, da gerade solche fälle am meisten bei den musi¬ 
kalisch einfacheren formen (litaneien) Vorkommen, diese aber 
fast immer ohne noten erhalten sind. In der mehr mit noten 
überlieferten kunstdichtung kommen sie gelegentlich aber 
auch vor. So finden wir im „Mysterium der klugen und 
törichten Jungfrauen“ ( Sponsus ), das bis auf den Schluß 
durchgängig mit noten versehen ist, beispiele für solche fälle, 
wo man ganz deutlich sehen kann, daß für überschüssige 
Silben auch tatsächlich noten vorhanden sind. Die melodie 
der Fatuae z. b., die wir s. 76 abgedruckt haben, liefert uns 
einen solchen fall. In der ZrP 11 sagt Schwan dazu: „Die 
lesart von vers 33: ad vos orare .... ist abzuweisen, da sonst 
das hemistich eine silbe zuviel hat, für die keine note da ist.“ 
Sehen wir uns aber die musik an, so finden wir, daß tatsäch¬ 
lich für jede silbe eine note vorhanden ist. Die plussilbe wird 
durch Wiederholung eines tones, der wohl eine kürzere dauer 
hatte, untergebracht, wie es F&is 1 ) in seiner Übertragung 
(bd. IV, s. 489) auch zum ausdruck bringt 2 ). Die Übertragung 
von Friedrich Ludwig (Handb. d. Musw. s. 140) zeigt diese 
erscheinung nicht, da dort diese Unregelmäßigkeiten nicht 
berücksichtigt sind. (Noch mehr fälle dieser art im Sp<fnsus: 
vgl. Coussemaker. a. a. o.) 

1) Vgl. anm. s. 61 u. 76. 

2) Vgl. Coussemaker Hist. d. l’harm., faks. planche XV, Umschrift 
s. XVI. 


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28 


Erst als die kunstpoesie unter einfluß der gelehrten bil- 
dung größeres gewicht auf formale dinge legte, begann man 
die verse in regelmäßiger silbenzahl abzufassen, ohne daß da¬ 
gegen Unregelmäßigkeiten überall ganz verschwanden. Die 
feststellung der genauen silbenzahl ist also schon ein künst¬ 
liches element. Der Graf Wilhelm IX. vonPoitiers, der älteste 
kunstdichter auf romanischem gebiet, dessen gedichte uns 
überliefert sind, war nicht wenig stolz auf seine verse und 
melodien, die er selbst lobt: 

Que-l mot son iag tag per eg&u 
Comin&lmens, 

E l sonetz, qu’ieu mezeis me n lau, 

Bos e valens 1 ). 

Wilhelm IX. hebt so die gleiche länge seiner verse hervor. 
Er würde das nicht getan haben, wenn es vor und zu seiner 
zeit schon selbstverständlich gewesen wäre. Also kann 
man auch daraus schließen, daß die Volksdichtung damals 
tatsächlich die eigenschaft der Ungleichmäßigkeit auf¬ 
gewiesen hat. 

f) Dieselbe musik für mehrere gedichte. 

Nicht alle Volkslieder besitzen eine eigene melodie, viel¬ 
mehr sind die meisten nach gegebenen weisen gemacht worden. 
Dies können wir bei den heutigen echten Volksliedern aller 
Völker, sowohl höherer als auch niederer, beobachten. Be¬ 
sonders aber ist dies der fall bei Völkern, deren musikalische 
erfindungsgabe noch gering ist. Nach Retzius (Finnland 
s. 117) werden die meisten der finnischen Volkslieder nach 
einer und derselben melodie, der uralten runenmelodie, ge¬ 
sungen. Und die von Lach gesammelten gesänge der finnisch- 
ugrischen Völker zeigen diese tatsache in auffallendem maße. 
Dieselbe melodie kehrt dort bei liedem verschiedensten inhalts 
und Charakters wieder. So können wir annehmen, daß auch 
die Altfranzosen für ihre Volkslieder im frühen mittelalter nur 
wenige melodietypen hatten, denen wohl auch die verschieden¬ 
sten texte untergelegt wurden. 

1) Jeanroy, Guill. IX s. 18. 


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29 


g) Herausbildung der versarten. 

Damit scheint auch die bildung der versarten zusammen¬ 
zuhängen. Wurde eine beliebte litaneienmelodie oft verwandt, 
dann erhielten demgemäß die danach gedichteten lieder 
gleiche länge in ihren versen. So werden sich im volksgesange 
gewisse formen und typen eingebürgert haben, die dann zu 
den gebräuchlichsten, volkstümlichen Versmaßen geführt 
haben. Aber auch sehr kurze versarten von etwa 4, 5, bis 
8 Silben mögen existiert haben, wie F. Wolf es annimmt, und 
wie es die analogie der gesänge anderer Völker auf dieser stufe 
wahrscheinlich macht. Daß diese sehr kurzen litaneien- 
melodien von den des Schreibens kundigen nicht beim dichten 
verwandt wurden, mag daran liegen, daß sie von diesen als 
zu kurz und einfach empfunden wurden, und daß in einem 
solchen vers sich nicht viel sagen ließ. Man gab daher den 
längeren versarten, den zehn- oder zwölfsilbnern, den Vorzug, 
welche dann die literarischen volkstümlichen verse geworden 
sind. Aus diesen erst entstanden später in der kunstpoesie 
durch teilung kurzzeilen, die sich aber von den anzunehmen¬ 
den volksmäßigen dadurch unterscheiden, daß sie nicht mehr 
mit litaneienmelodien parallel laufen, sondern mehr oder 

weniger unabhängig von der musik sind. 

0 

Diese ableitung der versarten aus der musik macht noch 
der tatbestand wahrscheinlich, daß nämlich bei weglassen des 
gesangsvortrages solcher Volkslieder die verse sofort zerfallen 
und einer gewöhnlichen prosa platz machen. So hat z. b. 
Hilferding beim Vortrag von russischen epen beobachtet, 
daß, wenn der Sänger auf gef ordert wurde, langsamer zu singen 
oder zu sprechen, der versbau verschwand und sich in reine 
prosa umwandelte 1 ). 

h) Litaneienmelodien in der altfranzösischen 

literatur. 

In der altfranzösischen literatur sind nur recht wenige 
volkstümliche litaneienmelodien überliefert. Vor allen dingen 
ist hier die melodie zu der parodie Audigier zu nennen, die 

1) Russische Revue 1872, s. 327 f. 


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30 


sich in dem Singspiel Robin et Marion von Adam de le Haie 
findet: i) 



Au-di-gier, dist Raim - ber - ge, bou-se voua di. 


Diese melodie ist sehr einfach gebaut, hat keinen großen um¬ 
fang (quarte) oder große intervalle (das größte: terz), ebenso 
keine koloraturen oder melismen, nur soviel noten als Silben: 
alles Charaktereigenschaften der wirklich volkstümlichen 
musik. Sie paßt gut, wie Schläger meint, zu den Vor¬ 
stellungen, die wir uns von der musik der chansons de geste 
gebildet haben. Es mag sogar wirklich die melodie eines volks- 
epos gewesen sein. 

In den Singspielen Adams de le Haie kommen noch mehr 
solcher kurzer melodien vor, die zwar keine epenmelodien 
sind, aber genau denselben Charakter haben wie die Audigier- 
zeile. Auch diese melodien sind einzeilig, z. b. 



Es mögen dies wohl damals bekannte Volksliedermelodien ge¬ 
wesen sein, die Adam verwandt hat. Und wenn wir die 
kunstvollen melodien in Adams kunstliedern mit diesen ein¬ 
fachen Sätzen vergleichen, so wird diese Vermutung um so 
wahrscheinlicher. 

Die melodie in der chantefable Aucassin et Nicolette 
zeigt zwar einen viel höheren entwicklungszustand, sie möge 
aber ihres litaneiencharakters wegen hier erwähnung finden. 

Die von Schläger (ZrP 35, s. 368) erfolgte konstruktion 
der melodie zur Rolandlaisse ist ganz in dem sinne erfolgt, 
wie diese musik zu denken ist. 

Von den eigentlichen altfranzösischen epen ist leider keine 
einzige melodie überliefert, was seinen grund darin haben 
mag, daß die melodien zu einfach, zu kurz und wohl auch zu 

1) Gennrich, Mus. Vortr. 8.13. 

2) Coussemaker, (Euvres compl. du Tr. Ad. de la H. s. 419. 


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31 


bekannt waren, als daß sie notiert werden mußten, und daß 
die melodie etwas ganz selbstverständliches war. Anzunehmen 
ist auch, daß eine bestimmte melodie für mehrere chansons 
de geste, vielleicht für einen ganzen zyklus benutzt wurde, 
wie das in der reinen Volksmusik so häufig vorkommt. 

Ganz klar und deutlich drückt sich Johannes de Gro* 
cheo (ein musiktheoretiker um 1300) über den litaneien- 
vortrag der chansons’ de geste aus. In dem kapitel, in dem 
er die verschiedenen musikarten beschreibt, wie sie zu seiner 
zeit ausgeübt wurden, sagt er über die chanson de geste: 
Versus autem in cantu gestuali , qui ex pluribus versiculis effi- 
citur [in eodem sonu] et in eadem consonantia dictaminis cadunt 
(Joh. Wolf s. 94) und dann: Idem etiam cantus debet in Omni¬ 
bus versibus reiterari (J. Wolf s. 94). Er stellt aber auch den 
vortrag der religiösen epik mit der weltlichen auf eine stufe, 
indem er sich wie folgt äußert: Cantum vero gestualem dicimus, 
in quo gesta heroum et antiquorum patrum opera recitantur , 
sicuti vita et martyria sanctomm et adversitates , quas antiqui 
viri pro fide et veritate passi sunt , sicut vita beati Stephani 
protomartyris et historia regis Karoli (J. Wolf s. 90). Und in 
der tat weist ein religiöses epos, nämlich das „Leben des 
heiligen Leodegar“, das zwar in verspaaren abgefaßt ist, 
eine neumennotation auf, die uns über ihren litaneienvortrag 
nicht im unklaren läßt. Gennrich hat den versuch gemacht, 
diese neumen in moderne noten zu übertragen und teilt diese 
melodie in seiner abhandlung über den vortrag der alt¬ 
französischen chansons de geste mit. Diese art des musi¬ 
kalischen vortrags ist wohl deshalb gewählt worden, weil 
man dadurch den Stoff dem volke leichter zugänglich machen 
wollte. So hat man eben die musik der religiösen epik der 
des Volkes angepaßt. 

i) Refrain und nachspiel. 

Wenn in den altfranzösischen wirklichen Volksliedern, 
soweit sie nicht reine solo- oder reine chorlieder waren, ein 
refrain vorkam, so konnte er innerhalb des litaneienprinzips 
wohl nur in der schon geschilderten art aufgetreten sein. Die 
stelle des refrains, also wann der chor einsetzen sollte, mag 


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durch den text des liedes bestimmt gewesen sein. Außerdem 
mochten diese lieder nur in beschränkter anzahl existiert 
haben. Sie waren deshalb meistens allen Sängern bekannt 
und wurden oft gesungen, so daß jeder genau die Verteilung 
auf chor und solo kannte. 

Anderseits war beim reinen Sologesang auch eine instru¬ 
mentale Wiederholung der vorher gesungenen melodie, also 
ein mit der gesangsmelodie identisches nachspiel, möglich, 
wie es auch noch heute teilweise geschieht, z. b. in Italien, 
wo die blinden volkssänger noch diese praxis ausüben (Re- 
stori, Petit de Jve. I, s. 398). Eine stelle aus einer pastou- 
relle von Jocelin de Bruges (Anf. d. 13. Jahrhunderts; 
Wackernagel s. 79, nr. 49) spielt auf diesen gebrauch an: 
Von einer singenden hirtin wird gesagt: 

En hault dist et si notoit 
I novel 8<>n. 

En sa pipe refraignoit 

La voix de sa chanson. (vers 5—8) 

Mit voix ist die melodie ihres liedes gemeint. Es handelt sich 
wohl um ein improvisiertes ( un novel son) Volkslied, da das 
lied sich auf eine Schäferin aus dem volke bezieht. En sa 
pipe refraignoit zeigt an, daß an stelle eines vom chor ge¬ 
sungenen refrains die auf der flöte geblasene melodie tritt. 
Bei diesem Volkslied kann mit der melodie nur die zeilen- 
melodie (litanei) gemeint sein. Denn das litaneienprinzip 
herrschte damals noch uneingeschränkt im volke, was aus 
einer stelle bei Johannes de Grocheo (Joh. Wolf s. 91) her¬ 
vorgeht, welche besagt, daß die chansons de geste, also die 
einfachen litaneien, sogar noch zu seiner zeit, also am anfang 
des 14. jahrhunderts, in einer sozial tieferen Schicht fort¬ 
lebten. Refraignoit la voix de sa chanson sagt uns also, daß 
als refrain die melodie des liedes verwandt wurde. Der refrain 
ist also musikalisch nicht selbständig. Die auf der flöte ge¬ 
blasene melodie ist identisch mit der des textes. 

Die erwähnte pastourelle des Jocelin de Bruges hat natür¬ 
lich nicht diese form — sie ist reine kunstpoesie —, sondern 
sie spielt nur auf die art der gesangsausführung des damaligen 


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'33 


Volksliedes an. Wie mag das lied der hirtin, das dem Jocelin 
vorgeschwebt hat, ausgesehen haben? Der text mag für 
einige Zeilen improvisiert sein, etwa für eine, zwei, drei oder 
vier. Die melodie war aaa . . .; nun hörte die textimprovi- 
sation der hirtin auf. Ihr lied sollte aber noch nicht zu ende 
sein, so musiziert sie weiter auf ihrer flöte: aa . . wie oft 
sie die melodie a bläst, ist nicht zu bestimmen; es braucht 
nicht bloß einmal gewesen sein. Sie konnte auch ihre paar 
textzeilen öfter wiederholt und dann mit der flöte eingesetzt, 
oder ihren gesang mit dem flötenspiel abgewechselt haben. 
Oder sie konnte auch während des flötenspiels die nächsten, 
folgenden textzeilen improvisieren. Das wesentliche aber ist, 
daß gesang und refrain dieselbe melodie hatten, daß also hier 
einer der fälle vorliegt, deren möglichkeiten wir für das 
litaneienprinzip gezeigt haben. 

10. Unbegrenztheit der zahl der litaneienglieder. 

Eine begrenzung oder bestimmte festlegung der anzahl 
der glieder beim litaneiengesang ist uns bis jetzt nirgends 
begegnet. Von den primitiveren Völkern ist bekannt, daß sie 
ihre lieder meistens mit immer demselben text oder mit sinn¬ 
los aneinander gereihten Worten oft stundenlang singen und 
daß es geradezu eines Zufalls bedarf, um das lied zu ende 
kommen zu lassen. Bei höherer entwicklung, also bei den 
halbkulturvölkern, ist das ende eines gesanges meistens durch 
den text gegeben, d. h. solange es dem sänger beliebt zu 
improvisieren, singt er. Erst wenn ihm die worte ausgehen, 
hört er auf. So finden wir z. b. bei den finnisch-ugrischen 
Völkern die verschiedensten lieder nach derselben melodie ge¬ 
sungen. Aber je nach dem stoff und der menge der verse sind 
sie verschieden lang 1 ). Jedes gedieht ist also nur eine einzige 
laisse. Zu vergleichen sind die litaneienverse etwa mit unseren 
heutigen strophischen Volksliedern. Bei diesen ist die zu 
wiederholende litanei die Strophenmelodie, die auch beliebig 
oft, eben sooft als es der text verlangt, wiederholt werden 
kann. Und ist ein lied „im tone“ eines anderen liedes ge¬ 


ll Vgl. die gesänge bei Lach. 

Störest, Geschichte der Romanzenstrapbe. 3 


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34 


dichtet, so braucht es auch nicht die gleiche anzahl Strophen 
zu haben wie das muster, also genau dieselbe erscheinung wie 
bei den Volksliedern der finnisch-ugrischen Völker, die nur 
ihrem entwicklungsstand entsprechend eine weniger ent¬ 
wickelte litaneienmelodie benutzen. 

Das Verständnis des litaneienprinzips führt uns also dazu, 
die alte, irrige meinung, daß die altfranzösischen laissen ur¬ 
sprünglich fest begrenzt gewesen wären, abzulehnen. Diese 
meinung war dadurch entstanden, daß man unsere heutigen 
Volkslieder ohne weiteres mit jenen alten vergleichen zu 
können glaubte: die heutigen Volkslieder sind strophisch, 
folglich waren es die damaligen auch. Man berücksichtigte 
aber nicht die musik, die doch damals auf anderer stufe ge¬ 
standen hat als die heutige. Die damaligen litaneien waren 
dem begrenzten musikalischen horizont entsprechend viel 
kürzer. Sie umfaßten bloß einen vers. Erst als der musi¬ 
kalische horizont sich allmählich erweiterte, konnte sich die 
litaneienmelodie auf mehrere verse verteilen. Sonst aber ist 
kein prinzipieller unterschied zwischen den Volksliedern von 
damals und denen von heute vorhanden. Es fällt heute 
niemandem ein, an irgendeine begrenzung der zahl der 
Strophen zu denken, und den Völkern, bei denen die litaneien- 
melodien noch sehr kurz sind, wozu auch die Altfranzosen ge¬ 
hörten, geht es auch nicht anders. Übrigens sagt Johannes 
de Grocheo: Numerus autem versuum in cantu gestuali (also 
im litaneiengesang) non est determinatus , sed secundum copiam 
materiae et voluntatem compositoris ampliatur (J. Wolf s. 94). 


11. Znsai 


II 


menfassnng zu laissen. 


War nun die menge des Stoffes einer dichtung sehr groß, 
wie beim altfranzösischen epos, so waren es technische gründe, 
die zur Zusammenfassung einer anzahl litaneienglieder zu be¬ 
stimmten gruppen führten. Zuerst mag der inhalt dabei eine 
rolle gespielt haben. Dies ist besonders für die vorliterarische 
zeit anzunehmen, als es noch keine oder fast keine assonanz 
in der Volksdichtung gab. Der jongleur faßte also inhaltlich 
zusammengehörige verse zusammen. Auf diese weise ent¬ 
stand die laisse. Es ist anzunehmen, daß die so entstan- 


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denen laissen im allgemeinen länger waren als die in den 
ältesten überlieferten epen vorhandenen. Der Übergang 
von einem erzählungsabschnitt (laisse) zum nächsten wurde 
durch eine pause im vortrag gekennzeichnet. Die laissen 
sind so auch als viele einzellieder aufzufassen, die inhaltlich 
verbunden sind und alle die gleiche melodie haben. 

Beim beginn der assonanztechnik mag die Schwierigkeit, 
assonanzen zu finden, ihrerseits wieder dazu beigetragen 
haben, die längeren abschnitte in kürzere laissen zu zerlegen. 
Zuerst werden diese laissen meistens sehr kurz gewesen sein, 
was seinen begreiflichen grund in der noch nicht entwickelten 
Übung in der bildung der assonanzen haben mag. 

Ein Wechsel der assonanz innerhalb des ununterbrochenen 
vortrags wäre vielleicht störend empfunden worden, da der 
endvokalgleichklang der laissenverse seinen grund in der 
musik zu haben scheint, die bei vokalreichen sprachen die 
tendenz nach gleicher klangfarbe der endvokale hervor¬ 
gebracht hat. So ist anzunehmen, daß eine kleine pause 
hinter jeder laisse, auch hinter kürzeren, gelassen worden 
ist. Die größeren, zum ausruhen bestimmten pausen, wurden 
wahrscheinlich nicht nach jeder kürzeren laisse gemacht, 
sondern da, wo, zum teil nach einer ganzen reihe von laissen, 
ein erzählungsabschnitt zu ende war 1 ). 

12. Künstliche begrenzung der zahl der litaneienglieder. 

Wie wir gesehen hatten, stellt Johannes de Grocheo 
die religiöse epik in bezug auf ihre Vortragsweise mit der 
weltlichen auf eine stufe. Die geistlichen, die diese epik ver¬ 
faßten, hatten sowohl eine höhere intellektuelle als auch musi¬ 
kalische kultur als das volk. Wenn sie, um ihre dichtungen 
dem volksverständnis anzupassen, dessen musikalische form 
wählten, so trat häufig genug der fall ein, daß sie, statt text¬ 
lich die dem litaneienprinzip entsprechende form der laisse 

1) Bei den Völkern, die heute noch ihre epen litaneienartig vortragen, 
ist eine ähnliche einteilung in abschnitte oder episoden, den altfranzösischen 
laissen entsprechend, zu beobachten (Wundt, Völkerps. III, s. 390). Auch 
können die episoden in sich so sehr geschlossen sein, daß sie z. t. zu fast 
selbständigen liedera werden (Wundt, a. a. o. s. 396). 

3* 


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zu verwenden, ihre religiöse epik in Strophen verfaßten. Diese 
form war aber durch keine innere notwendigkeit irgendwie 
begründet. Sie kommt dem litaneienprinzip selbst nicht zu, 
das infolge seiner engen architektonik keine der litaneien- 
melodie übergeordnete einheit kennt 1 ). Ja, sie ist 
innerhalb des litaneienprinzips geradezu sinnlos. Sie ist nur 
eine reine analogie zu der sonstigen, in durchkomponierten 
Strophen abgefaßten geistlichen poesie (z. b. der hymnen- 
strophen). 

Das klassische beispiel für diesen fall ist das „Leben des 
heiligen Alexius“ aus dem 11. Jahrhundert, während der 
Boethius konsequenterweise dem litaneienprinzip entsprechend 
die laissenform verwendet. Der Alexius ist in Strophen, oder 
vielmehr in regelmäßigen laissen von je 5 versen abgefaßt. 
Sein Versmaß ist der zehnsilber, also der epische vers „par 
excellence“. Von seiner musik ist uns nichts überliefert. 
Dieser umstand — bei den weltlichen epen ist es ebenso —, 
sein episches versmaß und die äußerungen des Johannes 
de Grocheo deuten darauf hin, daß er tatsächlich nach dem 
litaneienprinzip gesungen worden ist. 

Das „Leben des heiligen Leodegar“ (Saint Leger), dessen 
musik erhalten ist, wurde in der gleichen weise gesungen. Auch 
hier begegnen wir der künstlichen einteilung in Strophen. Die 
Strophen ihrerseits bestehen aber aus je 3 verspaaren (aabbcc). 
Diese verspaare ergeben weder einen parallelismus mit dem 
litaneienprinzip noch einen Zusammenhang mit der einteilung 
in Strophen. Diese letztere ist in der handschrift nur durch 
große anfangsbuchstaben erkenntlich, die den beginn jeder 
Strophe anzeigen 2 ). 

1) Eine gliedernng innerhalb der laisse suchen auch Ed. Sievera 
(Zum Haager Fragment, Philologische Studien aus dem romanisch-germa¬ 
nischen Kulturkreise [K. Voretzsch zum 60. Geburtstag], herausgegeben von 
B. Schädel und W. Mulertt. Halle 1927, s. 1211.) und Ph. A. Becker 
(der distichisch-tristichische Rhythmus im Rolandslied. Ebenda s. 639 ff.). 
Mit unserer rein musikalischen gliederung hat dies nichts zu tun. 

2) Die Passion Christi hat Strophen von je 4 zeilen in assonierenden 
achtsilbnern. Diese Strophen sind aber logisch begründet, da sie wie die 
lateinischen hymnen der damaligen zeit durchkomponiert sind. 


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Welches waren nun die gründe, die solche logisch nicht 
begründete Strophen in den litaneienvortrag der geistlichen 
epik brachten ? Die geistlichen Verfasser lebten in einer viel 
höher entwickelten kulturschicht als das volk. Sie waren in 
einer von gesetzen eingeengten kunst erzogen und kannten 
nur die regelmäßige Strophe, die bei ihrer poesie durch die 
dazugehörige musik logisch bedingt war. Nun wandten sie 
auf die laisse auch die norm ihrer tradition an 1 ), indem sie 
ihr eine nicht innerlich notwendige oder irgendwie begründete 
form aufpfropften. So ist, wie wir sehen, eine jede begrenzung 
der volksmäßigen laissenform ein künstliches, von außen ge¬ 
kommenes element. 

Daher ist es auch leicht zu verstehen, daß die künstlich 
begrenzten laissen des Alexius aus der mitte des 11. Jahr¬ 
hunderts in der redaktion aus dem 12. Jahrhundert wieder 
zerfielen und in die normale form zurückkehrten. Gaston 
Paris ließ sich durch die Priorität des strophischen Alexius 
ebenso wie durch den vergleich mit den heutigen Volksliedern 
und den altfranzösischen romanzen, die aber ganz andere 
musikalische Verhältnisse zeigen, verführen anzunehmen, daß 
die laissen im allgemeinen ursprünglich begrenzt gewesen 
wären, also daß bei den profanen epen sich ein ähnlicher 
Vorgang abgespielt habe wie beim Alexius. Die spuren der 
strophischen gliederung will er in der kürze mancher laissen 
sehen, was aber una mera illusione ist, wie es Pio Rajna 
ausdrückt. 

Logisch bedingt ist eine feste Strophe aber erst dann, 
wenn ihr eine durch gegliederte weise (melodie) entspricht. 
Es müßte also etwa eine dreizeilige Strophe das musikalische 
versschema: aßy haben, d. h. aßy bilden zusammen eine 
einzige, längere melodie. Wenn diese Strophe länger gemacht 
werden sollte, so würde aßy zu aßyd und dies zu aßy ö e 
usw. werden. Wie sollte aber daraus das Schema a a a a a a ..., 
das doch für die laissenform bewiesen ist, entstehen? Das 
französische epos wäre von einem System, welches eine andere 

1) Schon im 4. Jahrhundert hatten z. b. die christlichen lateinischen 
hymnen strophische formen wie abab, aabb u. a. 


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stufe der musikalischen kultur dargestellt hätte, ausgegangen 
und wäre von diesem höheren entwicklungsgrad zu einem 
sehr einfachen und primitiven herabgestiegen. Ein solcher 
rückschritt von höher entwickelter musikalischer architektonik 
zur einfachen stufe des litaneienprinzips ist wohl nicht mög¬ 
lich. Schon diese Überlegung neben den allgemeinen, uns be¬ 
kannten tatsachen des litaneienprinzips sagt uns, daß die 
laissen im anfang nicht strophisch gewesen sein können. 


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Kapitel II. 


Die entwicklung bis zur herausbildung 

der älteren romanzenstrophe. 


I. Die kirchlichen finalkadenzen. 

a) EUOUAE. 

In der mittelalterlichen kirchenmusik war es üblich, die 
liturgischen gesänge mit einem besonderen Schluß, einer musi¬ 
kalischen coda, zu versehen. Solche finalkadenzen wurden 
nicht nur an das ende des ganzen gesangs gestellt, sondern 
auch an den Schluß von gewissen teilabschnitten. Besonders 
häufig fand hier der Schluß der dem introitus angehängten 
sog. kleinen doxologie Verwendung. Ihr text lautet: Gloria 
patri et filio et spiritui sancto sicut erat in principio et nunc 
et semper et in saecula saeculorum, amen. Ihr musikalischer 
Schluß besteht aus der melodie zu den Worten saeculorum 
amen 1 ). Da bei der Übertragung dieses Schlusses auf andere 
gesänge der ursprüngliche text keine bedeutung und keinen 
sinn hatte, und da beim singen, besonders bei melismatischer 
ausgestaltung der melodie, die konsonanten zurücktraten und 
die vokale die träger des tones und der melodie waren, so 
bezeichnete man diese kadenz meistens nur als eine vokalise, 
indem man einfach ihre gesungenen vokale nebeneinander¬ 
setzte: EUOUAE. Solche Vokalzusammenstellungen wurden 


1) Solch angehängter Schluß (aus dem 12. jahrhundert) findet sich 
z. b. mit noten abgedruckt bei Coussemaker, Hist, de l’harm., planche 
XXVIII, Übertragung s. XXIX. 


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auch pneuma oder neuma genannt. Johannes de Grocheo 
sagt: Est autem neupma quasi cauda vel exitus sequens ad 
antiphonäm . . . (Joh. Wolf s. 122). Für dies EUOUAE gab 
es verschiedene gesangsformein ( tropi ). Ursprünglich hatte 
man für jeden kirchenton nur einen tropus. Später ent¬ 
standen deren aber eine größere zahl. Dieses waren die sog. 
differenzien, die nicht nur abschließend, sondern auch zum 
folgenden überleitend wirkten 1 ). Wie dies EUOUAE an 
die einzelnen abschnitte eines gesanges angehängt wurde, 
mögen einige beispiele zeigen. So berichtet Du Möril (Po6s, 
pop. s. 173, anm. 1) von einer sequenz auf den heiligen 
Nikolaus (hs. 10. jh.), die in ihren unregelmäßigen absätzen 
mit singweisen in der handschrift überliefert ist: 

Beatus Nicholaus, pontifieatus infulis decoratus, talem se exhibuit, ut 
ab hominibus amaretur. EUOUAE. 

Ecclesiae sanctae frequentaas limina sacra pectori mandata condebat 
sagaciter. EUOUAE. 
usw. 

Die singweisen dazu teilt Du M4ril jedoch nicht mit. Fran- 
cisque Michel bringt in seinen Rapports (s. 17 f.) eine folge 
von antiphonen auf die heilige Mildred (hs. 12. jh.); 
auch diese sind in der handschrift mit singweisen versehen, 
die Michel jedoch nicht mit abdruckt: 

Inter sidereos 
Protoparentes suos, 

Augustinum et socios 
Eius, fulget Mildretha, 

Candida ut lilium inter rosas 
Aut rosa inter lilia. EUOUAE. 

Antiphona. Respondet meritis 

Patribus apostolicis 
Apostolica filia, 

Respondet pudicitiae 
Et certaminum palma 
Et signorum potentia. EUOUAE. 

Ant. Felix Christi munere 
Cantia, felix domus 
Augustinia, quae patriae 

1) Einige solcher melodien gibt Riemann in seinem „Handbuch der 
Musw.“ bd. I, 2. teil, s. 72. 


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Lumen et salutem possidet, 

ln Mildretha preside perfulgida. EUOUAE. 

Ant. 0 decus patrum insigne! 

0 ornamentum coeli sublime, 

Et monile splendidum aecclesiael 
Virgo Syon, Mildretha, 

Plebem tuam tuere. EUOUAE. 

Ant. Sponsa Christi Jheeu, 

Gaude, virgo gloriosa, 
ln Christi tui gloria; 

Mildretha benignissima, 

Proles regum clarissima, 

Merciorum margarita, 

Cantuariae corona, 

Totius Angilae stella 
Radians et trans maria, 

Fave cunctis prece pia. EUOUAE. 
usw. 

Eine reihe von antiphonen auf den heiligen Thomas 
von Canterbury(hs. 13 jh.)hat eine ähnliche form (Michel, 
Rapports s. 18): 

In natalicias sancti Thome archiepiscopi et martyris, ad vesperas. 

Pastor cesus in gregis medio 
Pacem emit cruoris precio. 

0 letus dolor in tristi gaudio! 

Grex respirat, pastore mortuo. 

Plangens plaudit mater in filio, 

Quia vivit victor sub gladio. EUOUAE. 

Summo sacerdotio Thomas sublimatus 
Est in virum alium subito mutatus. EUOUAE. 
Monachus sub clerico clam cilicatus 
Carnis, came fortior, edomat conatus. EUOUAE. 
Cultor agri Domini tribulas avellit, 

Et vulpes a vineis arcet et expellit. EUOUAE. 

Hec magnos sustinet lupos desevire, 

Nec in ortum olerum vineam transire. EUOUAE. 
Exulat vir optimis sacer et insignis, 

Ne cedat eccleeie dignitas indignis. EUOUAE. 
Exulantis predia preda sunt malignis; 

Sed in igne positum non exurit ignis. EUOUAE. 
usw. 

Eine abkürzung dieser kadenz weist eine sequenz auf 
den heiligen Maurus (abgedr. Du Meril s. 173f.) auf. 


Ant. I. 
Ant. II. 
Ant. III. 
Ant. IV. 
Ant. V. 
Ant. VI. 


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Diese sequenz stammt aus dem 10. Jahrhundert und ist mit 
noten versehen, die aber Du Meril leider nicht mit veröffent¬ 
licht. Nach jedem versikel befindet sich eine kadenz auf 
die vokale EUO. Es ist ganz klar, daß es sich hier um die 
erste hälfte von EUOIUAE handelt. Da Du Mfoil die 
notation dazu nicht mitteilt, so ist nicht zu unterscheiden, 
ob dieses nur eine schriftabkürzung von EUOUAE ist, wobei 
dann diese kadenz auf alle vokale von EUOUAE gesungen 
wurde, oder ob diese kadenz nur EUO lautete, also auch eine 
musikalische abänderung der EUOUAE-kadenz war. Der 
anfang dieser sequenz lautet: 

Beatus igitur Maurus, clarissimo genere ortus, Benedicto sanctissimo 
duodenis (annis?) traditus est nutriendus. EUO. 

Qui, dum bonis junior polieret moribus, coepit magistri fortis adjutor 
semper manere; hunc Benedictus beatissimus prae cunctis dilexit et in- 
struxit. EUO. 

Hic autem post magistrum sic moribus omnes excelluit ut diligeretur 
carius universis. EUO. 
usw. 

b) AEUIA. 

Eine andere, auch viel gebrauchte art sind die alleluja- 
kadenzen. Das alleluia war ursprünglich ein in der psalmodie 
des Orients gebräuchlicher refrain, der schon in den ältesten 
Zeiten des Christentums von diesem übernommen wurde. Zu¬ 
erst wurde es auch wirklich wie ein refrain im responsorien- 
gesange verwandt. Allmählich bekam es aber auch dadurch, 
daß es nach anderen melodien folgte, den Charakter einer 
musikalischen coda. Wie bei den kadenzen auf EUOUAE, 
so wurden auch hier meistens nur die vokale von alleluia 
gesungen und notiert. In der gleichen weise wie bei EUOUAE 
wurden somit die vokale AEUIA an den Schluß von melodien 
oder melodieabschnitten angehängt. So wurden z. b. beim 
Cantus alleluiaticus in der regel je 2 langzeilen nach demselben 
choral gesungen, welche daher gleiche silbenzahl und gleichen 
rhythmus haben; an diese schloß sich dann die finalkadenz 
auf AEUIA an. In den alten handschriftlichen sequenzarien, 
in denen die melodien am rande des textes in neumennotation 
beigefügt sind, steht das alleluia oft nur einmal geschrieben 


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43 


und ohne neumen, weil man seine melodie als aus anderen 
liturgischen gesängen, z. b. gradualen und antiphonen, be¬ 
kannt voraussetzte. Zum teil ist das alleluia in späteren 
handschriften ganz weggelassen worden. Bei anderen se^ 
quenzen ist das alleluia nur nach der ersten oder letzten 
langzeile ausdrücklich notiert. Anzunehmen ist aber, daß es 
auch bei diesen größtenteils nach jedem versikel gesungen 
wurde. Am ende seines buches: „Über die Lais, Sequenzen 
und Leiche“ bringt F. Wolf eine anzahl faksimiles von Se¬ 
quenzen, bei denen wir Zeilenschlüsse auf alleluia finden. 
Eine solche alleluiakadenz ist z. b. folgende (aus der bekannten 
Sequenz Laetabundus ; F. Wolf, a. a. o., notenbeilage II, 
moderne Übertragung von Gennrich, Yortr. s. 25): 


i U o 7 i , ^ i -- r i :r~n 

L /L o r 

1 PTT 


__, 11 


1. d J iU 

^== aL - 



al - le — lu — ia. 


In seinem „Handbuch der Musikwissenschaft“ gibt Rie- 
mann am ende des ersten bandes einige gradualmelodien. 
Diese endigen mit melismen, zu denen kein text in der hand- 
schrift vorhanden ist. Riemann nimmt an, daß dies alleluia- 
melodien seien, deren text ebenso weggelassen ist wie oft bei 
den versus alleluiatici. Diese melodien sind nämlich in anderen 
gradualen ebenso, woraus hervorgeht, daß es tatsächlich 
alleluiakadenzen sein müssen. 

c) Andere kadenzenartige refrains. 

Aus der griechischen kirche war die gebetformel Kyrie 
eleison übernommen worden. Dieser liturgische refrain wurde 
dann aber auch als eine gleichbleibende schlußkadenz ver¬ 
wandt. Daneben kamen noch in der mittelalterlichen kirchen- 
musik nicht selten abschlußartige refrains wie Amen , Alleluia 
amen , Ave Maria, Ora pro nobis, Saeculorum saeculis u. a. vor. 

2. Solche kadenzen in der weltlichen musik. 

a) Nachahmung der kirchlichen kadenzen. 

Bei der ungeheuren bedeutung, welche die kirchenmusik 
für die mittelalterliche musikentwicklung hatte, ist es nur zu 


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44 


natürlich, daß diese kadenzen durch nachahmung auch in die 
profane musik übergingen. Die Volksmusik kannte bisher nur 
das litaneienprinzip, nach welchem auch die altfranzösischen 
epen gesungen wurden. Das ende eines epischen erzählungs- 
absatzes (laisse) ze igte bisher nur eine mehr oder weniger 
lange pause an. Jetzt aber wurde die kadenzierung durch 
abschlußmelismen, wie sie in der kirche üblich war, durch 
musikalisch über dem Volksniveau stehende Jongleurs auf¬ 
genommen, die ein melisma wie EUOUAE oder AEUIA an 
das ende der laisse stellten. Dieser rein musikalische Schluß 
wurde aber in der handschrift nicht notiert, ähnlich wie es 
in der kirchenmusik auch oft geschah, so daß uns kein fall, 
wo eine unversehrte, vollständige kirchliche kadenz nach einer 
laisse vorhanden war, überliefert ist. Aber gerade bei den 
abschlußlosen epen ist anzunehmen, daß oft solche kadenzen 
deren laissen abschlossen. Nicht immer aber verstanden die 
jongleurs die worte und noch weniger die bedeutung dieser 
kadenzen, besonders von EUOUAE, wenn es sich an sing¬ 
weisen anschloß, die von der kleinen doxologie ganz ver¬ 
schieden waren. Diese kadenzen wurden vielmehr als eine 
art vokalise gehört, die abschließenden Charakter hatte. Bei 
der nachahmung kam es ihnen später auf die genaue Wieder¬ 
gabe einer bestimmten kadenz nicht an. So war es möglich, 
daß irgendwelche beabsichtigte oder unbeabsichtigte Ver¬ 
mischungen der kadenzvokale entstanden. Wie wir bei dem 
EUO gesehen hatten, war schon in der kirchenmusik eine 
abkürzende Variante möglich. 

b) AOI. 

In der ältesten handschrift des Rolandsliedes findet sich 
am Schluß der meisten laissen die lautnotation AOI 1 ). Daß 

1) Es steht am ende von 173 laissen. In 10 fällen ist es fälschlich an 
das ende des 1. verses der folgenden laisse gesetzt. Einmal findet es sich 
im innern einer laisse (nach vers 3493). Bei zwei laissen steht es am ende 
des vorletzten verses. Nicht vorhanden ist es in 108 fällen. Daraus ist zu 
schließen, daß es erst nachträglich hinzugefügt ist. Dies scheint der Schreiber 
sehr flüchtig vorgenommen zu haben, so daß ihm dabei oft fehler in der 
richtigen Setzung unterlaufen sind. Auch mag er beim umblättem manchmal 
zwei blätter gefaßt haben, wobei dann diese seiten ohne AOI geblieben sind. 


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45 


dies eine den kirchlichen ähnliche schlußkadenz darstellt, 
steht wohl außer zweifei. Denn nirgends ist es gelungen, diese 
vokale auf irgendeine wort- oder verbalform zurückzuführen. 
Desgleichen ist diese vokalzusammenstellung in der fran¬ 
zösischen paläographie unbekannt. 

Gennrich leitet dies AOI direkt von EUOUAE ab, und 
zwar über die viel späteren refrainartigen ausrufe in den 
Vaux de Vire des Oliver Basselin oder in anderen norman¬ 
nischen liedern des 16. Jahrhunderts wie enne ovoy, enne hau- 
voy , avoi. Diese weitverzweigte schlußkette erscheint aber 
anfechtbar und unnötig. Enne ovoy , enne hauvoy ist höchstens 
eine Verstümmelung von EUOUAE unter einfluß von irgend¬ 
welchen trällerrefrains. Möglicherweise hat es sogar mit 
EUOUAE unmittelbar gar nichts zu tun. Es scheint eher 
auf*der stufe der trällerrefrains zu stehen. Viel näher liegt 
es, aus gründen, die eben schon angedeutet sind, statt dessen 
eine kreuzung der kadenzvokale von EUOUAE und AEUIA 
unter dem einfluß anderer refrainartiger kadenzen oder eine 
freie analogische nachbildung anzunehmen. Eine direkte 
sprachliche folge von EUOUAE zu AOI als historische ent¬ 
wicklungsreihe anzusetzen, ist nicht möglich. So bleibt also 
die eben gegebene erklärung als die einzige möglichkeit. 

In bezug auf die melodie dieses abschlusses nimmt 
Gennrich gemäß seiner direkten ableitung aus EUOUAE 
an, daß sie dieselbe länge gehabt hätte wie dieses. Wenn wir 
aber eine kadenzenkreuzung oder analogie annehmen, was 
sehr viel wahrscheinlicher und natürlicher ist, dann können 
wir über die länge dieser melodie nichts aussagen. Unsere 
annahme wird dadurch noch bestärkt, daß sich an anderen 
stellen ähnliche vokalisen finden, die die verschiedenste länge 
haben. Die Rolandkadenz kann daher sowohl nur einfach 
aus drei noten bestehen (wie z. b. die an anderer stelle [Rie- 
mann, Handb. s. 236] sich befindende vokalise EYA; vgl. 
s. 60), also etwa: 



a o l 


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46 


oder noch eher aus melismen auf einzelne oder alle vokale 
wie meistens in der kirchenmusik, also etwa so: 

a — o — i — 

Eine andere erklärung des AOI versucht Hämel (ZfSL 
bd. 48). Er möchte darin nicht eine coda, wie wir es eben 
dargelegt haben, sehen. Nach seiner meinung soll das AOI, 
wenn es als eine abkürzung im Gennrich sehen sinne von 
EUOUAE angesehen wird, eine angabe für den Sänger sein, 
wie er den zweiten, dem AOI vorangehenden halbvers abzu¬ 
schließen hat. Es sollen also die letzten 6 silben, nach denen 
das AOI steht, die coda darstellen. 

Da Hämel wohl mit recht in AOI eine gewaltsame und 
durch nichts gerechtfertigte abkürzung für EUOUAE sieht, 
so hält er eine andere erklärung für näherliegend, nämlich 
daß AOI eine besondere formel, entsprechend der von uns an¬ 
genommenen ableitung, bedeute, nach der entweder der ganze 
vers oder der zweite halbvers zu singen war. Er versucht 
nun auch, das AOI mit der kirchlichen liturgie in Zusammen¬ 
hang zu bringen. Nach ihm kommen zwei in der kirchlichen 
liturgie täglich verwendete responsorien in frage, und zw T ar 
erstens die Segnungsformel Pax Domini sit semper vobiscum , 
deren anfangsvokale gut zu AOI passen würden. Außer¬ 
dem besteht diese formel aus 10 silben mit einer Zäsur 
nach der vierten, also genau so wie der Rolandvers. Hämel 
nimmt nun an, daß das AOI bedeute, den letzten vers der 
laisse so zu singen, wie der priester das Pax Domini singt. 

Für noch wahrscheinlicher hält Hämel eine erklärung 

# 

aus der vom bischof bei feierlichen gelegenheiten gesungenen 
formel Pax vobis. Dies responsorium erklingt in den weiten 
räumen der kirche nur auf einen einzigen ton. Daraus schließt 
Hämel, daß der vers, bei dem AOI steht, mit einem einzigen 
langgezogenen ton, also mit einer fermate zu endigen habe. 

Vergleichen wir aber die von Hämel gemachten er- 

1) Beide melodien sind natürlich nur konstruiert. 



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47 


klärungsvorschläge mit den tatsachen des altfranzösischen 
epenvortrags, so finden wir, daß, wenn wir eine erklärung 
von Hämel annehmen, andere erscheinungen völlig unerklärt 
werden. Man fragt sich nun, wie soll der kurzvers, der eine 
anzahl altfranzösischer laissen abschließt, entstanden sein. 
Wie vertragen sich die ausführungen des Johannes de Grocheo 
betreffs des abschlußverses mit diesen Vorschlägen? Was 
sagen Hämels erklärungen zu dem abschließenden kurz¬ 
vers im Aucassin, dessen art und melodie doch unzweifelhaft 
feststeht? Außerdem ist beim gesang der verslitanei nicht 
anzunehmen, daß die melodie im letzten vers nach dem ersten 
halbvers abgebrochen werden soll, um einem veränderten 
abschluß platz zu machen. Diese abschlußart, also die sog. 
vert- und clos- Schlüsse, kommen zwar im altfranzösischen vor, 
aber noch nicht bei so einfachen, volksmäßigen litaneien, son¬ 
dern erst bei höher entwickelten melodien der kunstlieder. Es 
scheint, daß Hämel mit seinen erklärungen selbst nicht ganz 
zufrieden ist; denn anstatt von einer überzeugt zu sein, gibt 
er gleich mehrere möglichkeiten, die aber aus den vorhin an¬ 
geführten gründen abzulehnen sind, da sie den musikalisch 
nachgewiesenen tatsachen nicht entsprechen. Auf diese art 
ist also die frage nicht zu lösen. Der weg Gennrichs in 
unserer modifikation ist dagegen viel wahrscheinlicher und 
wird durch die tatsachen gestützt. Auf diesem wege erklären 
sich alle für Hämel neue Probleme gebenden erscheinungen 
bezüglich der laissenschlüsse und der romanzenrefrains zwang¬ 
los und leicht. Außerdem steht diese erklärungsart in vollstem 
einklange mit den äußerungen von Johannes de Grocheo. 
Es ist also viel natürlicher, das anzunehmen, was in ein 
System paßt und durch dieses gestützt wird, als das, was 
in dies völlig klare und abgerundete System ein loch reißen 
würde und sowohl selbst höchst unwahrscheinlich ist, als 
auch in bezug auf die anderen bekannten erscheinungen uns 
neue rätsel auf gibt. So stellen also Hämels erklärungs- 
vorschläge eher einen rückschritt als einen fortschritt der 
durch Gennrichs grundlegende ergebnisse auf dem richtigen 
wege befindlichen forschung dar. 


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48 


% 

c) OL 

In einer wohl aus dem 14. jahrhundert stammenden 
handschrift der Vaticanischen Bibliothek nr. 3207 findet sich 
eine tenzone aus dem 13. jahrhundert zwischen Peire Bre- 
mon (Ricas Novas) und Gui de Cavallo 1 ). Peire Bre- 
mon hat zuerst eine laisse von 13 Zeilen auf Gui de Cavallo 
gedichtet, und dieser antwortet ihm darauf in derselben vers- 
form (zwölfsilbner, darunter aber auch unregelmäßige verse 
von z. b. 11 oder 13 Silben) mit einer laisse von 14 zeilen. 
Beide laissen assonieren auf den vokal t. Peire Bremon 
beginnt seine laisse mit den Worten: Un vers voill comenzar 
el son de ser Gui , woraus hervorgeht, daß beide nach derselben 
von Gui gegebenen melodie gesungen wurden, wobei in diesem 
fall nur eine laissenlitanei in frage kommen kann. Große mühe 
werden sich beide dabei nicht gegeben haben; denn sie wenden 
als kunstdichter eine volksmäßige form (laisse) an. Des¬ 
gleichen sind die verse volksmäßig gehalten, d. h. ihre Un¬ 
regelmäßigkeiten werden durch die melodie ausgeglichen, wo¬ 
gegen in der kunstdichtung die Silben einer genaueren zählung 
unterworfen sind. Am ende von beiden laissen findet sich 
die Vokalzusammenstellung 01. Diese entspricht in ihrer 
Stellung und funktion dem AOI des Rolandsliedes und ist 
wohl unter dessen einfluß entstanden. Es stellt also eine 
abschließende kadenz dar, die zu den vokalen 01 gesungen 
wurde. Über die melodie des 01 und der dazugehörigen 
laissen ist leider nichts gesagt. Es ist daher wohl anzunehmen, 
daß wie gewöhnlich bei den laissen in der handschrift keine 
notierung vorhanden ist. So sind wir also auch in bezug auf 
die melodie dieses 01 mit ausnahme ihres abschließenden 
Charakters auf Vermutungen angewiesen. Wahrscheinlich 
werden es einige abschließende melismen gewesen sein, die 
zu diesen vokalen gesungen wurden. Ein Zusammenhang 
oder eine gleichheit der melodie dieses abschlußmelismas mit 
der der Rolandkadenz braucht natürlich nicht angenommen 
zu werden. 

1) Archiv 34, s. 410f. 


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49 


d) Andere vokalisen. 

Ganz ähnliche bedeutungslose, mehr oder weniger ab- 
schlußcharakter tragende vokalisen kommen auch bei der in 
der form höherstehenden kunstdichtung vor. Eine anonym 
überlieferte provenzalische canzone (abgedr. Bartsch, Chr. 1 ) 
250) aus dem 13. Jahrhundert: Quart vei los praz verdesir hat 
am ende jeder der 6 Strophen und nach der vierzeiligen tomada 
ein AEI stehen. Römer, der auch in dem AOI des Rolands¬ 
liedes einen seufzer sieht, möchte dies AEI ebenso erklären. 
Jetzt, wo wir die bedeutung des AOI kennen, werden wir in 
der vokalzusammenstellung AEI in gleicher weise ein ab- 
schlußmelisma sehen. Und zwar mag dies entstanden sein 
unter dem speziellen einfluß von AEUIA, von dem es 3 vokale 
enthält. Eine kreuzung wie beim AOI braucht hier nicht 
angesetzt zu werden. Nach der Strophe und vor dem refrain 
befindet sich eine vokalise mit den vokalen AI in einer alba 
von Bertrand d’Alamanon: Us cavaliers si jazia (Nisard 
s. 24). Diese vokalise würde sich sowohl aus AEUIA, als aus 
AEI wie auch aus AOI ableiten lassen. Natürlich kann sie 
auch freie analogie sein. Auch bei Marcabru in dem liede 
L'iverns vai findet sich dies AI (Gennrich, Zur Ursprungs¬ 
frage s. 194). Im ersten rondeau in Gennrichs Sammlung 
kommt die vokalise YA vor, die nach Gennrichs Vermutung 
vielleicht das ende von AEUIA darstellt. Im vierten rondeau 
derselben Sammlung findet sich ein AE, was nach Gennrich 
wahrscheinlich eine notierung für amen ist. In diesen beiden 
fällen befindet sich die vokalise allerdings nicht am ende 
der Strophe, was aber an ihrer entstehung nichts ändert. 
Dagegen sehen wir in einer pastourelle von JehandeBraine: 
Par desous Vorribre d'un bois (Bartsch, R. u. P. III, 1) am 
ende jeder Strophe dasselbe AE, wo es aber unzweifelhaft 
eine musikalische coda darstellt. In Bartsch, R. u. P. III, 13 
begegnet uns das AE auch, wo es aber das ende der dritt¬ 
letzten zeile abschließt. Eine vokalise AEO erscheint in 

■ 

Bartsch, R. u. P. III, 6 und III, 7; in III, 7 auch die voka- 

1) K. Bartsch, Chrestomathie provemjale. Marburg 6 1904. 

8 torost, Geaohichte der Romantenstrophe. 4 


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50 


lise 0. Dies AEO befindet sich in beiden pastourellen nicht 
am Schluß der Strophe, sondern innerhalb dieser nur am 
zeilenschluß, wahrscheinlich am ende einer musikalischen 
phrase, die nur einen teil der ganzen Strophenmelodie darstellt. 
Am ende der zeilen sehen wir eine vokalise EYA in der 
anonymen bailade A Ventrada del tems clar EYA 
(abgedr. Riemann, Handb. s. 236; D. Scheludko, Beiträge zur 
Entstehungsgeschichte der altprovenzalischen Lyrik. ZfSL62 
[1929] s. 240), desgleichen am ende der ersten beiden zeilen 
in dem lateinischen lied Imperio EYA (abgedr. Du M6ril 
s. 173; Nisard s. 16). Dies EYA bringt schon Du M4ril 
in Zusammenhang mit den kirchlichen abschlußvokalisen 1 ). 
Wie wir eben bemerken konnten, gehen in der kunstpoesie 
diese ursprünglich nur als musikalische abschlüsse gedachten 
vokalisen in einigen fällen fast in die bedeutung von refrain- 
artigen Vokalzusammenstellungen über. Zum teil schließen 
sie nur musikalische Unterabschnitte der Strophenmelodie ab. 
Dagegen ist in anderen fällen ihre ursprüngliche bedeutung 
als musikalischer abschluß noch ganz evident. 

e) Die musikzeile in der „Bataille d’ Annezin.“ 

0 

Um zu den musikalischen abschlüssen bei den laissen 
zurückzukehren, so finden wir in der sog. Bataille d 'Annezin, 
einer parodie der chansons de geste, am ende der einzigen 
laisse, die aus 50 auf -in assonierenden zwölfsilbnem besteht, 
eine melodie notiert, der als gesangstext ein siebenmal wieder¬ 
holtes in untergelegt ist. Langlois, der diese von ihm ge¬ 
fundene dichtung in der ZrP 34 (s. 349—61) mitgeteilt hat, 
ist der ansicht, daß wir in der notenzeile ein nachspiel vor 
uns haben, das der laisse angehängt war. Gennrich versucht 
dagegen, diese zeile als die zur dichtung gehörige litaneien- 
melodie zu deuten. Nach ihm sollen die einzelnen siebenmal 
untergelegten in-silben die modalen takte angeben, in die 
dann nur der text eingesetzt zu werden brauchte. Diese 
annahme scheint aber sehr gezwungen zu sein. Gegen eine 
laissenmelodie spricht erstens die tatsache, daß die melodie- 

1) Vgl. auch D. Scheludko, a. a. o. s. 230ff. 


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zeile sich am ende befindet, was doch einzig dasteht und sehr 
auffällig ist (vgl. Aucassinmelodie). Zweitens ist nicht ein¬ 
zusehen, warum dann der Schreiber diese melodie mit der 
textunterlage eines siebenmaligen in bezeichnet hat. Und es 
sieht ganz so aus, als ob die 7 in-silben bewußt auf die einzelnen 
notengruppen verteilt sind. Einfacher und selbstverständ¬ 
licher wäre es doch gewesen, er hätte die melodie über die 
erste zeile geschrieben und ihr die natürlichen textworte, 
so wie sie auf die einzelnen ligaturen verteilt werden, unter¬ 
gelegt. Bei allen anderen gesängen finden wir doch dieses 
Vorgehen. Warum soll nun die Bataille d'Annezin eine aus j 
nähme machen? Würde sich überhaupt ein jongleur aus 
solcher komplizierten, der üblichen Schreibweise zuwider¬ 
laufenden angabe herausgefunden haben? Ein drittes argu- 
ment gegen die annahme einer laissenmelodie kommt zu den 
beiden ersten noch hinzu. Die art der melodie mit ihren 


melismen steht absolut nicht im einklang mit dem bild, das 
wir von einer laissenlitanei erwarten. Ich gebe hier die 
melodie in der Übertragung von Schläger (zur Rhythmik 


s aßfifn* 



tn in tn tn in in tn 


Vergleichen wir diesen melodietypus mit dem des Audigier 
oder mit anderen litaneien, so fällt uns sofort die verhältnis¬ 
mäßig große beweglichkeit auf. Es ist nicht wie der Audigier 
ein trockener, rezitativischer satz. Alle diese drei argumente 
zusammen sprechen mit großer Wahrscheinlichkeit dafür, daß 
wir es hier mit einer abschließenden kurzzeile im sinne eines 
siebensilbners zu tun haben. Daß das musikalische element 
(melismen) in dieser zeile stärker hervortreten kann als in 
einer laissenmelodie, liegt an dem rein musikalischen Ursprung 


1) Auf die art der Übertragung kommt es für unsere zwecke nicht an. 
Uns genügt, wenn wir sehen, wie die melismen auf die einzelnen silben ver¬ 
teilt sind. 

4* 


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solcher abschlüsse. Die laissenmelodie selbst dagegen muß 
einfach gehalten sein, erstens ihrer volksmäßigkeit (litanei) 
wegen, zweitens aber auch weil der text die hauptsache ist 
und dieser bei einer entwickelteren melodie in den hinter- 
grund geraten wurde. Die zu der laisse gehörige melodie 
dagegen hat uns der Schreiber nicht überliefert, worüber wir 
uns nicht weiter wundern werden. Denn wir wissen ja und 
sind es gewohnt, daß die zu den laissen gehörigen litaneien 
so gut wie nie aufgeschrieben wurden. Sie waren zu einfach 
und wohl auch meistens in der damaligen zeit allgemein be¬ 
kannt. 

Was ist nun aber der grund, warum uns gerade diese 
abschlußzeile überliefert ist? Möglich ist, daß die verhältnis¬ 
mäßig große bewegt heit dieser melodie dazu geführt hat. 
Einen wichtigeren grund möchte ich aber in den unter¬ 
gelegten m-silben sehen. Um eine der parodie entsprechende 
possenhafte Wirkung auch in der abschlußzeile zu erzielen, 
hat der in der letzten zeile genannte Verfasser Thomas de 
Bailloel statt der gewöhnlichen zu den kadenzen gesungenen 
vokale eine reihe von gleichen nasalen (i), die, ob zufällig 
oder absichtlich, mit der reimendung der laisse überein¬ 
stimmen, untergelegt. Um diese Wirkung auch beim vortrag 
durch einen anderen jongleur sicherzustellen, blieb ihm nichts 
weiter übrig, als dies auf diese art der notierung zu tun. Diese 
possenhafte Wirkung des in nimmt schon Langlois an, indem 
er sagt: „Dans le cas pr&ent, comme il s’agit d’une bouffon- 
nerie, je me figure volontiere Thomas modulant en comique 
la syllabe in , pendant qu’il joue la finale sur la vielle“. 

Schläger sieht aus den beiden ersten oben angeführten 
gründen mit recht in dieser notenreihe eine musikalische 
abschlußzeile. Er möchte aber doch aus dieser melodie etwas 
für den vortrag der laisse gewinnen, und so versucht er ein 
Verhältnis zwischen dieser abschließenden kurzzeile und der 
zu erschließenden zwölfsilbigen langzeile herzustellen. Er 
nimmt an, „daß die kurzzeile den musikalischen verlauf der 
langzeile in einer gewissen Zusammenfassung wiedergab“. 
Dementsprechend zieht er die kurzzeilenmelodie auseinander 


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und zerlegt zum teil die melismen. Aber auch diese art der 
erschließung der laissenmelodie kann uns nicht befriedigen. 
Daß eine litaneienmelodie in dieser art zusammengezogen 
oder erweitert werden kann, haben wir schon gesehen 
und ist durchaus möglich. . Dagegen ist ein grund für die 
Zusammenziehung der laissenmelodie in der abschlußzeile 
nicht vorhanden. Dieser grund ist bekanntlich immer text¬ 
licher natur, d. h. die melodie wird den durch rohen versbau 
bedingten Unregelmäßigkeiten, den überschüssigen oder 
fehlenden Silben, angepaßt. Lag aber ein solcher grund in 
unserem fall vor? Ganz gewiß nicht. Dem dichter wäre es 
ein leichtes gewesen, das in auch zwölfmal unterzusetzen. 
Auch bei dieser annahme fragt man sich, warum er die litanei 
nicht an den anfang gesetzt hat. Auch kommt eine so starke 
Zusammenziehung einer litanei bei dem verhältnismäßig 
hohen stände dieser dichtung wohl nicht in frage. Die tat- 
sache, daß die abschlußzeile ein „flüchtiges abbild“ der 
laissenmelodie geben solle, würde aber auch ganz allein da¬ 
stehen. Alle anzeichen aber, so besonders die überlieferten 
melodien von Aucassin et Nicolette , wo die abschlußzeile 
selbständig ist, und die angaben von Johannes de Grocheo: 
In aliquo tarnen cantu clauditur per versum ab aliis consonantia 
discordantem , sicut in gesta , quae dicitur de Girardo de Viana 
(Joh. Wolf s. 94) sprechen aber ganz entschieden gegen diese 
annahme. So bleibt also nichts weiter übrig, als der annahme 
einer musikalischen coda den Vorzug zu geben und die dazu¬ 
gehörige laissenmelodie aus den vorher schon gezeigten 
gründen als verschollen zu betrachten. 

3. Textunterlage. 

a) Entstehung der abschließenden kurzzeilen nach 

dem muster der geistlichen poesie. 

Mit der zunehmenden entwicklung der epentechnik be¬ 
gann man, diese rein musikalische coda, deren melismen nur 
auf sie tragende vokale gesungen wurden, auch auf das text¬ 
liche zu übertragen. Man ersetzte die vokale durch eine der 
anzahl der vokale entsprechende textzeile, die sich dem inhalt 


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54 


der vorangehenden laisse anpaßte. So entstanden die be¬ 
kannten sechssilbigen abschlußzeilen einer anzahl altfranzö¬ 
sischer epen. Aus zehnsilbnern mit sechssilbigem abschluß 
bestehen z. b. Amis et Amiles, Jourdain de Blaives, Girard 
de Viane , Aimeri de Narbonne, Guibert d'Andrenas , Prise de 
Cordres. Alexandrinerlaissen mit sechssilbigem abschluß 
haben: Garin de Montglane , Siege de Barbastre, Bovon de 
Commarcis , Enfances Garin de Montglane und die späteren 
bearbeitungen von Amis et Amiles und Jourdain de Blaives. 


Die textunterlage findet sich in gleicher weise bei der 
kirchenmusik, wo z. b. bei dem Cantus alleluiaticus nach je 
2 zeilen ein alleluia folgte, das auch durch textworte ersetzt 
wurde, wodurch die versus tripertiti caudati entstanden. 
Ebenso ist auch der kurzvers, der die sequenz auf die heilige 
Eulalia abschließt, als textunterlage zu einer ursprünglich 
nur musikalischen kadenz anzusehen. Bei den altfranzösischen 
epen ist daher die textunterlage wohl auch nach dem Vorgang 
der geistlichen poesie vorgenommen worden. 


b) Textunterlage nicht immer konsequent durch¬ 
geführt. 

Bei einigen epen ist dagegen die textunterlage nicht ganz 
durchgeführt. Es gibt darunter welche, die diesen abschluß- 
vers nicht in allen handschriften haben. Hierzu gehören z. b.: 
Enfances Vivien , Covenant Vivien , Aliscans , Bataille Loquifer 
und Moniage Renoart. Auch fehlt der abschlußvers manch¬ 
mal nur an einzelnen stellen oder bei einem teil der laissen. 
Diese erscheinung hat viel Verwunderung hervorgerufen, da 
man sich eine solche auffallende und unbegründete tilgung 
der kurzzeilen nicht erklären konnte. In mehreren fällen 
(z. b. Arsenalhs. von Aliscans [Rasch], Enfances Vivien 
[Nordfeld], Folcon de Candie [Schultz-Gora]) ist der 
kurzvers erst als neuerung nachgewiesen, die dem original 
des betreffenden epos nicht angehört hat; denn die meisten 
dieser verse sind ziemlich bedeutungslos und geben dadurch 
ihren Charakter als bloße textfüllung für die vokalcoda kund. 


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55 


c) Die form bleibt trotzdem dieselbe. 

Die form aber solcher epen, bei denen die textfüllung 
nicht nach allen laissen vorgenommen wurde, bleibt im prinzip 
die gleiche wie die der epen mit bloßer vokalcoda, die in den 
handschriften meist nicht bezeichnet ist, und wie die der epen 
mit durchgehender textunterlage bei allen laissen. Denn es 
tut wenig zur sache und ändert die form gar nicht, ob die 
coda, die in solchen fällen bei allen laissen vorhanden war, 
nur auf bestimmte vokale oder auf irgendwelche textsilben 
gesungen wurde. Diese epen stellen daher wohl eine Über¬ 
gangsperiode, sei es eine allgemeine, sei es bei einem bestimm¬ 
ten dichter oder kopisten, dar. Erst nach allgemeiner ein- 
führung wird die textunterlage regelmäßig. Fehlt bei einem 
epos der abschlußvers am anfang, so mag es dem kopisten 
erst beim abschreiben des Originals, das keine textfüllung 
hatte, eingefallen sein, ihn zu setzen. Fehlt er dagegen am 
Schluß, so hat der kopist ihn beim schreiben am anfang zu¬ 
gesetzt. Dann aber ist ihm dies wohl zu mühsam gewesen, 
und er hat sein Vorhaben aufgegeben. Er konnte dies un¬ 
bedenklich tun und brauchte sich deshalb keine gewissens- 
bisse zu machen, denn die äußere form blieb in diesen fällen 
ja trotzdem gewahrt. 

d) Der sechssilbnerabschluß bei den laissen als 

% 

Zeichen eines bestimmten entwicklungszustands. 

Die textlichen kurzzeilenabschlüsse erreichen als aus¬ 
gesprochene mode'ihren höhepunkt etwa um 1200. Und noch 
zur zeit des Johannes de Grocheo ist diese form bewahrt, 
ja scheint sogar ausschließlich das volkstümliche epos zu be¬ 
herrschen, denn er führt sie als Charakteristikum der epen an. 
Beim aufhören des musikalischen vortrags der altfranzösischen 
epen hat diese erscheinung keineu sinn mehr und verschwindet 
dann wieder. So ist der abschließende kurzvers nur als 
Zeichen eines bestimmten entwicklungszustands des alt¬ 
französischen-epos anzusehen. Er hat, wie wir gesehen haben, 
seinen Ursprung nicht auf sprachlichem gebiet, sondern nur 
auf musikalischem. 


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e) Warum so oft sechssilbnerabschluß? 

Auffallend ist es, daß bei allen diesen fällen die ab¬ 
schließende zeile gerade 6 silben aufweist. Dieser umstand 
deutet darauf hin, daß eine ganz bestimmte musikalische 
coda hier Vorgelegen habe. Die uns schon bekannte kirchliche 
abschlußkadenz EUOUAE hat nun auch 6 vokale. Sie ent¬ 
spricht also in ihrer länge den sechsilbigen laissenabschlüssen. 
Daher ist es nur zu natürlich, anzunehmen, daß diese abschluß- 
zeilen auf diese spezielle kadenz zurückgehen. Außerdem 
mögen wohl mehrere epen, besonders die eines Zyklus, ähnlich 
wie wir es im ersten kapitel für die Volkslieder wahrscheinlich 
gemacht haben, nach derselben melodie gesungen worden 
sein, was auch zur Verbreitung dieses sechssilbners beigetragen 
haben mag. Wenn bei einer anzahl epen diese kadenz mit 
der entsprechenden textunterlage mit erfolg angewandt war, 
so konnte es auch in einigen fällen die bloße metrische nach- 
ahmung sein, die zu der gleichlangen abschlußzeile führte, ohne 
daß dieselbe melodie zugrunde liegen mußte. So erklärt sich wohl 
die auffallend starke Verbreitung gerade dieses sechssilbners. 

f) Andere Silbenzahlen bei den abschlüssen. 

Abschlüsse mit anderer länge hat es daneben natürlich 
auch gegeben, wie wir aus dem AOI des Rolandsliedes oder 
aus den viersilbnern in Aucassin et Nicolette sehen können. 
Desgleichen begegnen uns in den altfranzösischen romanzen 
die eine den epen ähnliche form haben, abschlußverse von 
3, 4, 5, 7 u. a. silben. Nur sind diese abschlüsse nicht so ver¬ 
breitet wie der sechssilbner, der beim epos vorherrscht, wahr¬ 
scheinlich weil er auf eine bestimmte, beliebte und allgemein 
verbreitete kadenz (EUOUAE) zurückgeht. Die anders- 
silbigen kadenzen führen ihren Ursprung auf die wohl beim 
laissenvortrag weniger oft gebrauchte AEUIA-coda oder auf 
kreuzungen und freie analogien zurück und sind deshalb nicht 
so einheitlich in ihrer silbenzahl. 

g) Aucassin et Nicolette. 

Eine Sonderstellung nimmt die chantefable Aucassin et 
Nicolette ein, bei der sowohl die zu wiederholende litanei (a-f ß) 


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# 


57 

als auch die sich anschließende abschlußmelodie (y) authen¬ 
tisch überliefert sind. Sie ist keine chanson de geste, zeigt 
aber ganz analoge Verhältnisse. Die zeilenmelodie ist in diesem 
lall auf je 2 verse verteilt, was seine Ursache darin hat, daß 
der dichter, der eine laisse nachbilden wollte, kurzverse 
(siebensilbner) anwendet, zu denen er eine wohl schon vorher 
bestehende und bekannte melodie benutzt, die viel länger ist 
und für 2 verse ausreicht. In den laissen mit langversen und 
in der zu erschließenden volkspoesie, die auch kürzere verse 
kannte, kommt ein solches Verhältnis natürlich nicht vor, 
denn dies widerstrebt dem litaneienprinzip. Der Aucassin 
zeigt also schon dadurch seinen Charakter als kunstdichtung. 
Konsequenterweise hätte bei ihm der text das Schema 
abab...c haben müssen. Die melodie des Aucassin ist fol¬ 
gende: 


a ß 



Qui vau-roit bons vers o - ir, Del de-port dou viel cai - tif. 


y 



Tant par est dou - de. 


Die beiden melodieteile a und ß gehören zusammen und stellen 
eine einzige melodie, nämlich die zu wiederholende litanei 
dar, woran sich am ende der laisse die coda anschließt. Eine 
Schwierigkeit entsteht aber in den fällen, wo die laissen aus 
einer ungeraden zahl von siebensilbnern bestehen. €in ver¬ 
sehen des Schreibers wäre die natürlichste erklärung. In 
manchen fällen dagegen ist eine auslassung oder hinzufügung 
einer zeile nicht festzustellen. Nehmen wir eine solche un¬ 
gerade Zeilenzahl als ursprünglich an, so würde nach G-enn- 

rich die melodieverteilung dann folgende sein: aßaßaß . 

aßßy , wogegen die auffassung Ri e man ns {aßßß .y) aus 

gründen, die Gennrich angegeben hat, abzulehnen ist. Da 

1) Schläger, Frz. Romanzen, anhang s. XXV. 


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beide melodieteile, a und ß , aber ein ganzes bilden, so ist es 
doch sehr unwahrscheinlich, daß in diesem falle die melodie 
auseinandergerissen wurde, wie Gennrich es tut. Vom 
musikalischen Standpunkt ist das zerreißen der litanei nicht 
gut möglich. Eine solche melodie wird als einheit aufgefaßt. 
Ich möchte darum eher annehmen, daß das musikalische 

Schema als aßaßaß . aßy oder, wenn wir a und ß als einheit 

zusammenfassen, als <3<3<3. dy in seiner natürlichen form 

gewahrt bleibt. Bei solcher laisse wird also die letzte zeile 
(ungerade zahl) auf die melodie a gesungen. Die melodie ß 
muß nun folgen. Es ist aber kein text mehr für sie da. Nun 
ist möglich, daß die letzte textzeile einfach wiederholt wurde, 
und zwar zur melodie ß. Möglich ist aber auch, daß die 
melodie ß einfach auf irgendeinem vokal gesungen, geträllert 
oder gesummt dann folgte. 

Bezüglich der coda hält es Gennrich für nicht aus¬ 
geschlossen, daß der komponist des Aucassin vielleicht sogar 
eine spezielle alleluiacoda übernommen hat. Ob dies zutrifft 
oder ob bloß das system der abschlüsse entsprechend der 
laissennachahmung vorliegt, ist nicht zu entscheiden. Tat¬ 
sache ist, daß wir es mit einer selbständigen, von der laissen- 
melodie vollkommen unabhängigen abschlußmelodie zu tun 
haben. 

h) Ältere erklärungen des sechssilbners. 

Andere erklärungsversuche des abschließenden kurzverses, 
die, ohne die musik zu berücksichtigen, gemacht worden sind, 
müssen wir ablehnen, da sie sich als ganz unmöglich erweisen 
und dieser kurzvers wie alle übrigen verse nur musikalisch 
entstanden ist (vgl. s. 29). Stengel 1 ) sieht den sechssilbigen 
laissenschluß als erste reihe eines archaischen zehnsilbners 
an, zu der beim vortrag die zweite hälfte durch „einige schluß- 
akkorde“ ergänzt wurde, d. h. die melodie des Schlusses würde 
auch einem zehnsilbner entsprechen und wohl die gleiche 
melodie wie die übrigen zehnsilbner haben. Gegen diese durch 

1) Rom. Verslehre, Gr. Grdr., II. Bd., 1. Abt., s. 49, abschn. 104; s. 53, 
abschn. 110; s. 84, abschn. 187. 


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nichts gestützte ansicht spricht aber die musik. Auf diese 
weise sucht er gleichzeitig die reimlosigkeit der abschließenden 
sechssilbner zu erklären. Es ist jedoch nicht möglich, inner¬ 
halb einer litaneienreihe erste und zweite melodiehälfte be¬ 
liebig zu vertauschen und etwa nach einer laisse von 
zehnsilbnem aus 4 + 6 silben plötzlich einen vers von 
6 + 4 silben anzufügen. Dessen melodiecharakter würde 
nämlich durch die pause oder tonstelle im innern ganz anders 
sein und sich bei einem litaneiengesang mit den anderen 
Versen nicht vertragen. Außer diesem argument spricht 
Johannes de Grocheo ganz entschieden dagegen. Und die 
melodie des Aucassin bestätigt dies. Gautier 1 ) neigt dazu, 
in dem abschließenden sechssilbner die Wiederholung des 
zweiten halbverses beim normalen zehnsilbner zu sehen. Nach 
dieser annahme müßte aber der kurzvers mit der voran- 
' gehenden laisse durch assonanz gebunden sein und dieselbe 
melodie haben wie der zweite teil der langzeile. Die sechs¬ 
silbner sind aber assonanzlos. Selbstverständlich wird auch 
diese ansicht durch die musikalischen Verhältnisse widerlegt. 
Walther Suchier 2 ) betrachtet wie Stengel den kurzvers 
als das erste glied eines längeren verses, etwa eines alexan- 
driners oder eines archaischen zehnsilbners. Er glaubt dies 
annehmen zu müssen, da der sechssilbner stets einen weib¬ 
lichen versausgang zeigt und in den ältesten texten der männ¬ 
liche versausgang überwiegt, in den Zäsuren aber häufig vor¬ 
kommt. Eine solche annahme ist aber ebenfalls abzulehnen, 
da die musikalischen Verhältnisse irgendwelchen Zusammen¬ 
hang der abschließenden kurzzeile mit den langzeilen der 
laisse nicht zeigen. 

i) Erklärung der weiblichen endung. 

% 

Eine Schwierigkeit scheint das auffallend häufige, ja man 
kann sagen, wohl ausschließliche Vorkommen des weiblichen 
ausgangs bei den abschlußzeilen der laissen zu bereiten. 

1) Petit de Jve. I, s. 118. 

2) Archiv 147 (1924), s. 278 t. 


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Gennrich berücksichtigt in seiner ableitung des abschließen¬ 
den sechssilbners diese erscheinung nicht weiter. Dies wird 
ihm denn auch von W. Suchier zum vorwurf gemacht. 
Wenn es sich nämlich um die einfache textunterlegung han¬ 
deln würde, so müßte man entsprechend den 6 vokalen von 
EUOUAE auch 6 silben erwarten, die nach der meinung 
W. Suchiers männlich ausgehen würden. Da dem nicht 
so ist, so glaubt W. Suchier an eine Priorität des metrums 
vor der musik und kommt daher zu einer nichtmusikalischen 
ableitung der kurzverse, wie wir kurz vorher gesehen haben. 
Und gerade diese erscheinung beruht wie alle vorher schon 
behandelten ausschließlich auf der musik, die, wie F. Wolf 
schon treffend gesagt hat, weibliche reime in den strophen- 
schlüssen fordert 1 ). Es bestand damals eine musikästhetische 
tendenz, die melodien und besonders die abschlüsse auf eine 
unbetonte note endigen zu lassen. Dieses wurde auch dann 
durchgeführt, wenn der text einen männlichen ausgang hatte. 
In solchen fällen bekam die letzte betonte (männliche) silbe 
2 noten, sowohl eine betonte, die dem ton des metrums ent¬ 
sprach, als auch eine sich dieser gleichsam als einen nachlaut 
anschließende unbetonte. Man kann dies der metrischen 
bezeichnung entsprechend als „weibliche musikendung“ be¬ 
zeichnen. Diese kann vollständig unabhängig vom text auf- 
treten. Diese tendenz ging sogar gar nicht selten so weit, 
daß auch bei metrisch weiblichem ausgang trotzdem der nun 
unbetonten endnote noch eine folgende weniger betonte als 
nachlaut angefügt wurde. Die so entstandene musikalische 
endung könnte man demnach als „doppelt weiblich“ bezeich¬ 
nen. Einige beispiele möchte ich zur anschaulichen darstellung 
dieser Verhältnisse vorführen. Einen solchen weiblichen 
musikausgang haben sämtliche von uns bisher mit noten an¬ 
geführten abschlüsse, also der abschluß der Bataille d ’ Annesin : 

1) Nach Raynouard ist das noch heute so. Er sagt: „En ajoutant qne 
ce demier vers 6tait toujours en rime feminine chez les tronvöres, je ferai 
observer que les musiciens demandent encore de nos jours que le demier 
vers d’un couplet soit de pr6f6rence en rime fdmine.” (Des formes primi¬ 
tives s. 391). 


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die alleluiakadenz aus der sequenz Laetabundus : 



ia 

und der Aucassinabschluß: 



dou - de 


bei dem ein fall von „doppelt weiblicher“ musikendung vor¬ 
liegt. Desgleichen erfolgte die konstruktion der von uns 
gegebenen zweiten AOI-melodie in diesem sinne. Gennrichs 
AOI-konstruktion weist diesen wesentlichen zug dagegen 
nicht auf, weshalb er auch bei der erklärung der weiblichen 
endung der sechssilbnerabschlüsse in Schwierigkeit gerät. 
Cous8emaker (Hist. d. l’harm. s. 16) druckt eine notenzeile 
von dem mönch Hucbald von St. Amand in Flandern (um 
900) ab, die dieser als beispiel gibt, um daran Oktaven-, 
quinten- und quartenparallelen zu demonstrieren. Der Schluß 
dieser zeile lautet: 



in se - cu - lum 

wo auch zu der letzten, männlichen silbe noch eine nach¬ 
klingende note angefügt ist. Die Commemoratio brevis: 
„Gloria et nunc et semper et in saecula saeculorum amen “ 
(Riemann, Handb. s. 72) hat in der hälfte der von Riemann 
angeführten fälle eine weibliche musikendung, z. b.: 



a - men. 

Unzählige beispiele solcher fälle findet man auch in der alt¬ 
französischen und altprovenzalischen kunstpoesie. In der 


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später zu besprechenden melodie der Fatuae im Sponsus 
(F4tis bd. IV, s. 489) endigen die Strophenzeilen z. b. so: 



ve - ni - mus 


und der abschluß der Strophe lautet: 



dor — mit. 


Wir müssen darum annehmen, daß für den die laissen 

# 

abschließenden sechssilbner als musikalisches Vorbild eine 
coda Vorgelegen habe, die so anzusetzen wäre: EUOUAEe. 
Und für die alleluiacoda wäre in den meisten fällen besser 
so zu notieren: AEUIAa. Solche weibliche endung der alle¬ 
luiacoda ist in einem religiösen gesang aus dem 16. Jahrhun¬ 
dert über die 3 Marien, den P. Meyer (Romania 20, s. 139—143) 
veröffentlicht hat, auch wirklich notiert. Am ende jeder 
Strophe steht ein alleluya a 1 ). Legt man unter eine solche 
textlose kadenz wie z. b. EUOUAEe einen text unter, so ist 
es das natürliche, daß dieser auch dem Vorbild entsprechend 
eine weibliche textendung bekam. Der Vorgang wäre fol¬ 
gender : 

E U 0 U A E e 

Li do-ze per de Fran-ce (Girard de Viane). 

k) Kein grundsätzlicher unterschied zwischen asso¬ 
nanzlosen, untereinander assonierenden oder rei¬ 
menden abschlüssen und refrain. 

Diese abschließenden kurzzeilen sind bei den laissen des 
altfranzösischen epos in der regel reim- und assonanzlos, d. h. 

1) Der gleichen tendenz, aber in intensiverem maße, würde auch die 
entstehung der Sequenzen zu verdanken sein. Aus dem AEUIA wurde 
AEUIAa, AEUIAaa usw., d. h. der nachlaut auf a wurde sehr stark gedehnt 
und melismatisch ausgesponnen. Dann wurde diesem langen a-melisma ein 
sequenzentext untergelegt. 


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sie sind weder mit der laisse selbst, noch mit dem oder den 
folgenden ihnen entsprechenden kurzversen verbunden. Dies 
mag seine Ursache in der oft ziemlich großen entfernung, in 
der die einzelnen kurzverse sich voneinander befinden, haben. 
Die gründe, die zur assonanz führten, waren ja musikalische. 
Der ton am ende der melodie fiel am stärksten ins ohr. Man 
bemühte sich, natürlich unbewußt, den tonstellen am ende 
der verse gleiche klangfarbe (gleiche vokale) zu geben. War 
die entfernung zweier solcher abschließender verse genügend 
groß, so fand eine solche unbewußte Wirkung nicht statt. 
Der gleichausklang der melodie fiel nicht so in die ohren, da 
ja immer nur eine zeile allein stand. Anders ist es dagegen, 
wenn die abschließenden kurzzeilen sich in geringer entfernung 
zueinander befinden. Dann tritt diese' Wirkung ein. Wenn 
z. b. dem auf je 2 zeilen folgenden AEUIA des Cantus alle - 
luiaticus ein text untergelegt ist, dann werden in der regel 
diese kurzverse durch assonanz oder reim gebunden sein 
(aabccb). Die durchgehenden endreime der letzten zeile einer 
Strophe in der poesie der troubadours und trouvfcres verdanken 
ihre entstehung der gleichen Ursache, sofern nicht rein formal¬ 
künstliche elemente mit wirken. Es ist daher nicht statthaft, 
in diesen endzeilen reste alter refrains sehen zu wollen. Be¬ 
stimmt man aber in der lyrik den abschließenden vers für die 
gesangsausführung durch einen chor, so wird der beim ersten 
mal der kadenz untergelegte text beibehalten, da bei einem 
schwerfälligen und ungeübten chor sonst leicht mißverständ- 
nisse entstehen würden oder die teilnehmer alle das lied voll¬ 
ständig auswendig kennen müßten. So zieht man daher die 
einfachere und sicherere methode vor und behält für die chor- 
partie immer denselben text bei 1 ). Auf diese weise entsteht 
der refrain bei der form: litanei + coda. Wir sehen daraus, 
daß zwischen epik und lyrik ein grundsätzlicher formaler 
unterschied nicht besteht. Das speziell lyrische element ist 
nur die beibehaltung des textes, also der refrain. 

1) Ganz ähnlich liegt der fall ja bei primitiven oder halbkulturvölkern, 
wo besonders beim chorgesang immer derselbe text zu immer derselben melodie 
gesungen wird. 


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4. Die filtere romanzenstrophe. 

a) Ihre bildung. 

Wie wir im ersten kapitel gesehen haben, kam es in der 
mittelalterlichen klerikalen dichtung nicht selten vor, daß in 
nachahmung der strophischen dichtung auch laissen mit den 
ihnen entsprechenden litaneienmelodien in gleiche abschnitte 
eingeteilt wurden. Dieser Vorgang war absolut künstlich und 
hatte mit dem wesen des litaneienprinzips nichts zu tun. 
Diese künstliche einteilung gab den laissen aber nicht will¬ 
kürliche längen wie z. b. 20 zeilen, wie es in späteren fällen 
bei epen vorgekommen ist, sondern, da diese einteilung unter 
dem einfluß der strophischen geistlichen poesie erfolgte, so 
kamen in diesen begrenzten laissen meistens nur solche längen 
zur Verwendung, die deren üblichen durchkomponierten 
Strophen entsprachen. So sehen wir beim Alexius aus dem 
11. jahrhundert z. b. fünfzeilige Strophen auf dieselbe asso- 
nanz. Die Zeilenzahl der Strophen beim „Leben des heiligen 
Leodegar“ ist ebenso in künstlicher weise auf 6 festgelegt. 
Noch weit üblicher war die vierzeilige Strophe, die der im 
mittelalter mit besonderer Vorliebe gebrauchten hymnen- 
strophe entsprach. 

Selbstverständlich konnten ebenso wie die unbegrenzten 
laissen auch die künstlich festgelegten durch eine musikalische 
coda abgeschlossen werden. Ob dies beim „Heiligen Leodegar“ 
oder beim Alexius der fall war, wissen wir nicht, denn oft 
wurden die abschließenden vokalisen nicht notiert. Die mög- 
lichkeit eines musikalischen abschlusses besteht aber bei 
diesen stücken eher als bei profanen laissen, da ja die praxis 
der abschlüsse aus der kirchenmusik stammt und hier häufiger 

und auch früher angewandt wurde. Besonders geeignet waren 

*• 

diese begrenzten und mit einer coda abgeschlossenen laissen 
für die lyrik, und zwar sowohl für die geistliche als auch für 
die profane. Die der coda gegebene textunterlage wurde für 
den chor bestimmt und behielt in echt lyrischer weise die Worte 
der ersten codazeile bei, da ja dies für den chorvortrag die 
natürlichste form war, besonders dann, wenn ungeschulte 
laien an dem gesang teilnehmen sollten. Diese form war 


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besonders günstig und beliebt, da sie dem chore verhältnis¬ 
mäßig oft, also nach je ein paar litaneienzeilen, die mitwirkung 
gestattete und so das interesse und die aufmerksamkeit der 
teilnehmer im höchsten maße erregte und wach hielt. So ent¬ 
stand die form, die aus einigen litaneienzeilen mit angefügtem 
refrain zu einer codamelodie besteht. Dies ist die bekannte 
älteste altfranzösische strophenform, der man den namen 
romanzen- oder rotrouengenstrophe gegeben hat. Ihr 
Schema ist musikalisch und metrisch: 

a a a (...) ß 

aaa(...) B. 

Musikalisches und metrisches Schema laufen bei dieser form 
ganz parallel in der gleichen weise wie bei der durch einen 
kurzvers abgeschlossenen laisse. Diese form der romanze 
möchte ich im gegensatz zu der im folgenden kapitel zu be¬ 
handelnden als die ä 11 e r e bezeichnen. Musikalisch steht diese 
form auf der gleichen stufe wie die epischen laissen mit kurz¬ 
vers. Es ist daher nicht zu verwundern, daß in bezug auf die 
Überlieferung der dazugehörigen melodien ähnliche Verhält¬ 
nisse vorliegen wie beim epos, d. h. die melodien waren zu 
einfach gebaut, als daß der Schreiber sich mühe gab, sie zu 
notieren. Die melodien dieser romanzen sind uns daher nur 
in sehr beschränkter anzahl überliefert. Zu den nicht mit 
noten überlieferten romanzen ist es daher immer wohl wahr¬ 
scheinlicher, die musik im sinne der älteren romanzenstrophe 
anzunehmen, als eine andere. Erst als die romanzenmelodien 
komplizierter wurden (vgl. kap. III), begannen die kopisten 
sich auch mit der notation zu beschäftigen. 

b) Die Lateinisch-provenzalische Alba. 

Das älteste und berühmteste beispiel dieser älteren 
romanzenform ist die bekannte „Lateinisch-provenza¬ 
lische Alba“ aus dem 10. Jahrhundert. Diese ist mit neu- 
mennotation überliefert, die keine sichere Übertragung in 
unser modernes notensystem gestattet, denn die linienlosen 
neumen geben bekanntlich weder die tonhöhe noch den takt 
an. Jedoch die musikalische architektonik dieser alba, die 

Storoat, Geschichte der Romanzenstrophe. 5 


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66 


allein für uns wichtig ist, geht aus dem gruppenbild der neumen 
mit absoluter Sicherheit hervor. Zur besseren anschaulichkeit 
möchte ich aber doch ihre musik in der Übertragung von 
Restori 1 ) geben: 



E S ? pl 


Phe - bi cla - ro non-dum or - to ju - ba - re, 
Fert au - ro - ra iu * men ter - ris te - nu - e. 
Spi - cu -la - tor pi - gris cla - mat: sur-gi - te! 



L’al-ba par u-met mar a-tra sol, Po - y pas a bi-gil, mi - ra 



dar te - ne-bras. 


Der Charakter dieser albamelodie ist sehr einfach. Auf jede 
note kommt nur eine silbe. Von irgendwelchen melismen, 
wie wir sie bei den späteren romanzen finden, ist noch nichts 
zu sehen. Jeder der 3 elfsilbigen strophenverse hat, wie wir 
sehen, dieselbe melodie. Auch sind sie, da sie auf demselben 
ton endigen, durch klangfarbe, d. h. assonanz gebunden. Der 
assonanzvokal ist e. Danach folgt zu dem refrain eine coda, 
die verhältnismäßig lang ist und sich über die beiden refrain- 
verse erstreckt. Die beiden refrainzeilen assonieren nicht 
miteinander, denn ihre melodien sind ganz verschieden und 
endigen auf andere töne. Es findet daher keine klangfarbe n- 
wirkung statt. Schematisch dargestellt sieht die alba also so aus: 

a a a ß 

a n a n a n B 9 C 12 - 

In diesem fall ist die abschließende kadenz länger als eine 
Strophenzeile. Dies deutet darauf hin, daß die „Lateinisch- 
provenzalische Alba“ schon nicht mehr die älteste romanzen- 
form aufweist; denn die einfachsten und ersten kadenzen 
(EUOUAE, AEUIA usw.) waren immer kürzer als die 
Strophenzeilen. Sie muß darum Vorbilder oder Vorgänger ge- 


1) La notazione.s. 7 


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67 


habt haben, bei denen diese ursprünglichere form vorlag. 
War allerdings die form einmal gefunden und verbreitet, so 
konnten beliebige versarten zur kadenz verwandt, und die 
melodie entsprechend länger ausgestaltet werden. Auch war 
es möglich, die abschlußmelodien über 2 verse zu erstrecken. 
Der Charakter der form blieb aber immer derselbe. 

c) „Pos de chantar“ von dem Grafen von Poitiers. 

In dem provenzalischen mysterium Sancta Agnes aus 
dem 14. Jahrhundert sind eine anzahl gesänge mit noten ein¬ 
geschaltet, die nach Vorbildern damals bekannter gesänge 
gemacht sind. Diese sind darum besonders wertvoll, weil die 
originale teilweise nicht überliefert sind und wir so erfahren, 
daß die romanzenstrophe im altprovenzalischen ebenso häufig 
gebraucht wurde und beliebt war wie im altfranzösischen. 
Zeile lllßff. 1 ) finden wir ein lied, das die von Agnes be¬ 
kehrten Römer singen. Es trägt die aufschrift: Planctus in 
sonu del comte de Peytieu. Eine weitere angabe, welches lied 
von dem Grafen gemeint ist, findet sich nicht. Vergleichen 
wir aber das metrische Schema des kontrafactums mit den 
erhaltenen liederndes Grafen, so erscheint unzweifelhaft, daß 
nur das lied Pos de chantar m'es pres talenz gemeint sein kann. 
Es stimmt mit diesem sowohl in der reimanordnung als auch 
in der silbenzahl überein. Leider ist aber gerade dieses kontra- 
factum nur als fragment überliefert. Die melodie ist bloß 
zu den ersten beiden zeilen: Bel Sener Dieus , tu sias graziz , 
quar nos as vestu convertiz mitgeteilt. Vor dem Worte convertiz , 
also nach der 5. note der zweiten zeile, bricht sie plötzlich 
ab, so daß für die anderen zeilen nur die leeren notenlinien 
vorhanden sind. Man könnte ein vergessen des Schreibers 
annehmen, doch fehlen hierfür die rechten gründe. Eine er- 
klärung von Gennrich erscheint wahrscheinlicher. Er 
nimmt an, daß der notenschreiber sich versehen haben mag 
und statt der notenreihe a für die zweite zeile die abschluß- 
melodie ß gebracht hat, die für den vierten vers bestimmt 
war. Der irrtum ist um so mehr verständlich, da die ersten 


1) Diese Zeilenzahlen nach der Zahlung in der ausgabe von Bartsch. 

6 * 


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beiden töne der beiden melodien übereinstimmen. Als der 
Schreiber dann zum reimwort convertis die noten einzeichnen 
wollte, merkte er sein versehen und hielt ein. Er wird sicher 
die absicht gehabt haben, die falschen noten später auszu¬ 
radieren und die richtigen einzusetzen, was er aber dann doch 
nicht getan hat. Gennrich konstruiert deshalb die melodie 
dieses liedes folgendermaßen: 1 ) 


a 



Pos 

de 

chan 

- tar 

m’es 

pres 

ta - 

lenz, 

Fa- 

r&i 

un 

vers f 

dou 

sui 

do - 

lenz; 

Mais 

non 

so 

- rai 

o - 

be 

di - 

enz 


ß 



Eine andere rekonstruktion hat Beck versucht (vgl. s. 95). 
Gennrichs konstruktion hat indessen mehr Wahrscheinlich¬ 
keit; denn fast alle lieder des Grafen von Poitiers sind auf 
wenige formen beschränkt, deren architektonik zusammen¬ 
zuhängen scheint und auf den typus aaab zurückgeht. Dies 
muß aber irgendwie begründet sein, und das ist nur möglich 
durch die musik. Hätte der Graf vollständig durchkomponierte 
Strophen verwandt, dann wären seine Strophenformen nicht 
so einheitlich geworden. Sie wären vielmehr der geistlichen 
poesie (reimpaare usw.) oder der der späteren troubadours 
ähnlich gewesen) 2 ). 

d) Romanzen mit ungleicher Zeilenzahl in den 

Strophen. 

Bei allen diesen liedern mit romanzenform ist die zahl 
der litaneienzeilen willkürlich festgelegt. Der Vorgang ist 

1) Vortr. s. 36. Neuerdings ist er davon abgekommen und möchte diese 
melodie anders konstruieren. Vgl. s. 95. 

2) In einer gruppe seiner lieder, den sogenannten „Companho-liedem“ 
wendet er das Schema an aj 4 an. Obgleich der reim in der Strophe gleich¬ 
bleibt, ist aus der silbenzahl und aus der analogie zum gnmdtypus seiner 
lieder mit großer Wahrscheinlichkeit zu schließen, daß das musikalische 
Schema dieser Strophen aaß gelautet habe. 


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69 


etwa derselbe, wie wenn wir die Aucassinlaisse oder die von 
Gennrich konstruierte musik des Rolandliedes in gruppen 
von je etwa 3 oder 4 zeilen umdichten und nach jeder einen 
abschluß, beim Aucassin einen abschließenden viersilbner, 
beim Roland ein AOI, setzen würden. Daß diese durch keinen 
zwingenden, innerlichen grund so hergestellte form auch 
• wieder leicht rückschlägen in der richtung nach der natür¬ 
lichen laisse zugänglich war, ist leicht zu verstehen. Solche 
fälle hat man früher durch schlechte Überlieferung zu erklären 
versucht. Dann hat man sie als Übergang von der laisse zur 
Strophe angesehen. Dieser Übergang erfolgte aber nicht all¬ 
mählich, so etwa, daß die laissen sich zu geschlossenen Strophen 
verdichteten, sondern wurde von klerikern in gewaltsamer, 
dem inneren wesen des litaneienprinzips femliegender maß- 
nahme, also sozusagen plötzlich und brüsk, durchgeführt. 
So muß man also heute diese formen mit schwankender Zeilen¬ 
zahl in der Strophe als rückschläge zur natürlichen und ur¬ 
sprünglichen form betrachten. Als beispiel möchte ich die 
romanze Bele Aiglentine en roial chamberine (Bartsch, 
R. u. P. 1 ) I, 2) anführen. Diese besteht aus 8 ungleichen 
Strophen mit angefügtem refrain, der aus einer kurzzeile und 
einer langzeile besteht. Noten sind zu dieser romanze nicht 
überliefert. Da aber so starke Schwankungen in der Zeilen¬ 
zahl der einzelnen Strophen bestehen (die Zeilenzahlen sind: 
3, 4, 3, 6, 6, 4, 4, 4), so ist wohl mit Sicherheit anzunehmen, 

daß diese nach dem Schema aaa . ß gesungen wurden. 

Orth wollte noch in dieser romanze gleiche Strophen von je 
3 zeilen dadurch herstellen, daß er die verse, die zuviel waren, 
„unbeschadet des sinnes“ ausfallen ließ. Die Strophen 4 und 6 
wollte er in je 2 Strophen zerlegen. Diese romanze dieser 
gewaltsamen Prozedur zu unterziehen, ist aber durchaus nicht 
nötig, und sie wird wohl so gesungen worden sein, wie sie dasteht. 

Der so etwas verschiedene einsatz des refrains wird vom 
chore trotzdem richtig gebracht worden sein; denn solche 
romanze wurde nicht bloß einmal als neues lied vorgetragen, 
sondern wurde oft, vielleicht sogar sehr oft gesungen und war 

1) Bartsch, R. a. P. = Bartsch, Romanzen and Pastoarellen. 


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70 


allen teilnehmern bekannt. Wurde sie zum erstenmal ge¬ 
sungen, dann war ja immer der solist da, der den refrain 
zuerst selbst mit intonieren konnte und so dessen eintritt 
dem chore allmählich beibrachte. Auch wird der sinn des 
textes für den einsatz des refrains von der größten Wichtigkeit 
gewesen sein; denn auch bei romanzen mit absolut gleich¬ 
langen Strophen ist nicht daran zu denken, daß der chor etwa 
während des vortrags durch den Solisten die zeilen zählte. 
Diese romanzen wurden genau in derselben weise wie die mit 
ungleichen Strophen dem chore beigebracht, wobei der sinn 
auch seine wichtige rolle spielte. 

Die romanze Or vienent pasques les beles enavril (Bartsch, 
R. u. P. I, 13) ist nur ein bruchstück von zwei laissen, deren 
eine 7, die andere 9 zeilen aufweist. Hinter beiden steht ein 
einzeiliger refrain. Auch diese romanze ist ohne musik er¬ 
halten. Über ihren laissencharakter können wir jedoch nicht 
im zweifei sein. Da diese laissen ziemlich lang sind und in 
ihrer länge einer kirchlichen Strophe weniger entsprechen, so 
ist es in diesem falle zweifelhaft, ob zur laisse zurückgekehrte 
Strophen vorliegen, wie es sonst immer der fall ist, oder ob 
nur laissen beabsichtigt waren. Diese frage ist nicht zu ent¬ 
scheiden, da wir die übrigen Strophen resp. laissen nicht be¬ 
sitzen. Würden diese kürzer sein, etwa 4 oder 5 zeilen im 
durchschnitt, so müßten wir beabsichtigte Strophen annehmen. 
Wären sie dagegen im durchschnitt länger und noch unregel¬ 
mäßiger, so würden wir sie als beabsichtigte laissen ansehen 
müssen 1 ). Bei der romanze von der schönen Eremburg 

1) Daß unregelmäßige laissen auch refrains haben können, zeigt das 
Wilhelmslied, wo uns am Schlüsse einer anzahl laissen ein refrainartiger 
viersilbner mit weiblicher endung begegnet, dem ein mit diesem assonierender 
zehnsilbner folgt. Diese art laissenabschluß mag wohl aus der romanzen* 
poesie in das epos hineingetragen worden sein; denn sie begegnet uns in 
mehreren altfranzösischen romanzen. Was die melodie dieses abschlusses 
anbelangt, so ist anzunehmen, daß er mit einer neuen melodie ausgestattet 
war, die von der litaneienmelodie der laisse ab wich. Die form dieses ab¬ 
schlusses stellt bei epischen laissen eine ausnahme dar. Sie ist daher nicht 
in die natürliche von uns gezeigte entwicklungsreihe einzureihen, vielmehr 
werden wir sie irgendeinem effekthascherischen kleriker oder jongleur zu 
verdanken haben. 


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71 


(Bartsch, R. u. P. I, 1) dagegen liegt der fall wieder ganz 
klar. Die letzte Strophe hat eine zeile weniger. Sonst sind 
die Strophen gleich. Es liegen also beabsichtigte gleiche 
Strophen vor. Da die musik dazu nicht erhalten ist, wahr¬ 
scheinlich weil sie dem kopisten zu einfach erschien, so ist 
wohl anzunehmen, daß hier ein fall älterer romanzenform 
vorliegt wie in I, 2, d. h., daß gleiche Strophen in künstlicher 
weise hergestellt sind. 

e) Romanzenstrophenmusik aus der 
„Lamentatio Rachel“ 

In dem mysterienfragment: Lamentatio Rachel aus dem 
11. jahrhundert (vgl. Coussemaker, Hist. d. l’harm. s. 128, 
faks. planche XII, Übertragung s. XIV) folgen nach 9 in reim- 
paaren abgefaßten zeilen, deren noten zeile für zeile erhalten 
sind und die als litaneien gesungen wurden, 2 Strophen, die 
wir musikalisch noch zur älteren romanzenform rechnen 
können. Metrisch dagegen liegt keine romanzenform vor. 
Es sind reimpaare mit angefügtem refrain. Dies aber ist bei 
der geistlichen poesie oft der fall, also daß, wo nach der musik 
logischerweise einreimige, laissenartige zeilen stehen müßten, 
diese in reimpaare zerlegt sind. Die beiden Strophen, die ver¬ 
schieden lang sind, haben folgendes Schema: 


Ganz anders möchte ich den refrain in „Gormond und Isembart“ 
auffassen. Dort wird dieselbe Situation, nämlich wie Gormond in einzel¬ 
kämpfen einen der Frankenhelden nach dem anderen tötet, am Schlüsse der 
6 ersten laissen durch dasselbe doppelreimpaar geschildert. Die silbenzahl 
dieser beiden reimpaare ist die gleiche wie die der laissen (8 s.). Außerdem 
beginnt diese reimpaargruppe (mit einer ausnahme, die wir als versehen 
betrachten) mit einem großen anfangsbuchstaben, genau so wie die übrigen 
laissen. Deshalb möchte ich diese reimpaare nicht als laissenabschlüsse 
auffassen, sondern glauben, daß ihre melodie die gleiche ist wie die der laissen- 
verse und sie auf der gleichen stufe stehen wie die laissen. Reimpaare mit 
laissenmelodie kommen ja in der geistlichen dichtung öfter vor (vgl. St. 
IAger). Daß dieses epos einen geistlichen Verfasser hat, zeigt uns auch eine 
andere formale eigenschaft, nämlich seine achtsilbigen verse. Und was den 
refraincharakter dieser zeilen anbetrifft, so hat der Verfasser wohl irgend¬ 
einen besonderen künstlerischen effekt damit erzielen wollen. Eine her- 
leitung dieser refrainzeilen aus den romanzenrefrains möchte ich nicht an¬ 
nehmen. 


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72 


I . a a a a ß II. a a a ß 
a io a io b 10 ^io C 4 b 10 d 10 d 10 C4. 

Der viersilbige refrain lautet: ergo gaude und ist melismatisch 
ausgestaltet, so daß auf die vier Silben 13 noten ko mm en. 

f) Charakteristikum der älteren romanzenstrophe: 
nicht durch die musik innerlich begründete feste 

Zeilenzahl. 

Fassen wir die ergebnisse in bezug auf die ältere 
romanzenstrophe zusammen, so finden wir mit einer aus- 
nahme aus der geistlichen dichtung, wo metrisch ein höheres 
element (reimpaare) hineingetragen ist, daß musik- und text- 
schema vollständig parallel gehen. Noch wichtiger aber ist 
der umstand, daß die Strophen nur künstlich begrenzt sind 
und daß eine logisch begründete festlegung der Zeilenzahl 
durch die musik im sinne von ganz oder fast durchkompo¬ 
nierten Strophen nicht stattfindet. Dieser fall liegt auch in 
den Strophen aus der Lamentatio Rachel vor, die also in diesem 
punkt keine ausnahme bilden. Weil eine absolut feste Zeilen¬ 
zahl bei der älteren romanzenstrophe noch nicht innerlich 
notwendig ist, so kommen daher eine reihe von fällen vor, 
wo die Strophen nicht ganz gleich lang sind. Die Schwan¬ 
kungen sind aber meistens gering, woraus auch für diese 
fälle auf eine ursprünglich beabsichtigte künstliche begrenzung 
geschlossen werden muß. 

g) Waren diese romanzen volkstümlich? 

Fragen wir uns nach der Volkstümlichkeit dieser ro- 
manzenform, so müssen wir sagen, daß sie im volk wohl nicht 
verbreitet war. Dies mag seine unberührten litaneien noch 
lange weitergesungen haben. Entstanden ist diese form in, 
der geistlichen poesie. Dort war sie verbreitet und viel an¬ 
gewandt. Dann ging sie in die gebildete profane gesellschaft 
über, die unter starkem einfluß der kirchenmusik stand. In 
diesem milieu wurde die romanze dann als tanzlied oder zur 
Unterhaltung gesungen. Ihre Volkstümlichkeit war also nur 
auf gewisse kreise beschränkt. 


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Kapitel III. 

Die jüngere romanzenstrophe. 


1. Einfluß der kirchenmusik auf den musikalischen 

geschmack. 

Die romanzenmu8ik blieb aber auf dieser entwicklungs¬ 
stuf e, die sie unter kirchlichem einfluß erreicht hatte, nicht 
stehen. Von neuem kam von dieser seite ein mächtig wir¬ 
kender einfluß auf die musik der romanzen. Dies neue ele- 
ment drang nicht so brüsk auf die volksmäßige musik ein 
wie der abschluß und die künstliche Zeilenzahl, die wir im 
vorigen kapitel dargelegt haben. Ganz allmählich wirkte es, 
und zwar zunächst nicht auf die form, sondern besonders 
auf den musikalischen geschmack und das musikalische emp¬ 
finden. Wesentlich dazu beigetragen haben die kloster¬ 
schulen, wo die musik ein wichtiger zweig des Unterrichts war. 
Hier wurden nicht nur angehende kleriker erzogen, sondern 
auch angehörige anderer klassen wie adlige, beamte, Schreiber, 
oft auch jongleurs. Dazu kam noch der beim kirchenbesuch 
gehörte gesang, wo die kunst der kirchlichen Sänger unmittel¬ 
bar auf die zuhörer, soweit sie musikalisch höher veranlagt 
waren, wirken konnte. Dies alles hatte zur folge, daß sich 
eine tendenz bemerkbar machte, sich von dem litaneien- 
prinzip zu entfernen. Dies geschah zunächst dadurch, daß 
man die einzelnen litaneienglieder durch irgendwelche Va¬ 
riation zu differenzieren trachtete. 


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74 


/ 


2. Differenzierung der litaneienmelodien. 

a) Die Schlußdifferenzierung. 

In der romanze En un vergier lez une fontenele (Bartsch, 
R. u. P. I, 9; abgedr. mit noten bei Schläger, Frz. Ro¬ 
manzen, anh. nr. I; Ludwig, Handb. d. M. s. 163) sind alle 
Strophenzeilen musikalisch gleich bis auf die letzte, die sich 
unmittelbar vor der abschließenden refrainmelodie befindet. 
Diese letzte strophenzeile ist bis zur zäsur vollständig • gleich 
den übrigen zeilen. Dann erst setzt in ihrem zweiten teil 
die differenzierung ein. Das Schema dieser romanze ist: 

a a a a ß 

3io 3-10 3-10 3.io B$ Bio- 

Oder, wenn wir die halbzeilen als musikalische einheit nehmen, 
so läßt sich dies schematisch noch klarer darstellen: a+ß 
a+ß a+ß a+y + refrainmelodie. 

Sonderbar ist, daß nicht alle zeilen einer differenzierung 
unterliegen, sondern nur die letzte, und die noch dazu bloß 
in ihrem letzten teil. Diese Schlußdifferenzierung tritt in 
anderen romanzen ebenso auf, so daß diese erscheinung doch 
irgendwie begründet sein muß. Da sie unmittelbar vor dem 
refrain, der eine neue melodie hat, in erscheinung tritt, so 
muß dieser als die Ursache angenommen werden. Ob man 
nun diese differenzierung so auffaßt wie Schläger, nach 
dessen ansicht sie den refrain vom Strophenkörper trennt, 
oder wie H. Suchier, der darin eine Überleitung zum refrain 
sieht, ist einerlei. Tatsache ist nur die unter einfluß des refrains 
stattgefundene differenzierung. Der refrain, oder vielmehr 
die abschließende melodie, stand ursprünglich im schroffen 
gegensatz zu den litaneien des Strophenkörpers, war also 
durch ihren ganzen Charakter von diesen getrennt. Ein 
trennendes glied, wie Schläger es annimmt, brauchte also 
ursprünglich nicht vorhanden zu sein. Erst in den fällen, 
wo das ende der litanei mit dem anfang des abschlusses ähn¬ 
lich ist, mag diese differenzierung als trennendes glied zwi¬ 
schen Strophe und abschluß angesehen werden. Dieser fall 
liegt bei dieser romanze vor, denn die nicht differenzierten 


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zeilen schließen mit derselben note, mit der der refrain be¬ 
ginnt. 

Die fünfte Strophe dieser romanze hat eine zeile mehr. 
Ein versehen ist ebensowenig wie in anderen schon betrach¬ 
teten fällen anzunehmen. Es wurde eben einfach die vierte 
zeile wie die ersten drei gesungen und dann erst folgte die 
differenzierte zeile, der sich der refrain mit seiner melodie 
anschloß. Das Schema dieser Strophe wäre also demnach: 

ß 


a a a a 


a 


a io a io a io a io a io B 8 Bio- 


Im mysterium vom Sponsus haben die von dem engel 
Gabriel gesungenen Strophen, die zweite vorkommende melo¬ 
die, die form (Ludwig, Handb. s. 140): 

a a ß y 
a a a B. 


Die litanei wird zweimal wiederholt. Daran schließt sich eine 
schon stark differenzierte melodie an, die zu der dritten 
a-zeile gesungen wird. Dieser folgt dann der refrain in form 
einer kurzzeile von 5 Silben. Die Schlußdifferenzierung ist 
hier stärker als bei der romanze En un vergier. Sie hat sich 
schon über die ganze letzte zeile erstreckt, und zwar ist sie 
in diesem falle so stark, daß ihr Ursprung aus der melodie a 
nicht mehr zu erkennen ist. Bemerkenswert ist die ungenauig- 
keit der wohl als zehnsilbner gedachten a-zeilen. Ihre silben- 
zahl schwankt, wird aber durch die musik vollkommen aus¬ 
geglichen, so wie wir es bei der besprechung des litaneien- 
prinzips gesehen haben (vgl. Coussemaker, Hist. d. l’harm. 
s. XVI u. planche XIVf.). 

Erwähnenswert ist noch, daß in dieser Strophe sämtliche 
Zeilenschlüsse einschließlich des refrains musikalisch weiblich 
enden. (Vgl. den abschnitt über die meist weiblich endenden 
Schlüsse im vorigen kapitel.) 

Die nächstfolgende melodie im Sponsus (die dritte), die 
von den Fatuae angestimmt wird, gehört auch zu der gruppe 
mit Schlußdifferenzierung. Ich möchte sie hier in der Über¬ 
tragung von Fetis (bd. IV. s. 489) wiedergeben: 


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Nos vir - gi - nes, que ad vos ve - ni - mus, 



Ne - gli - gen - ter o - le - um fun - di - mus, 



Ad vos o- ra-re so - ro - res cu - pi - mus, 



Ut et il - las qui-bus nos cre - di - mos. 

y 



Do - len - tasl Chai - ti - vasl Trop i a-vem dor - mit. 

Das Schema dieser Strophen ist: 


a a a ß y 

a a a a B. 


Die /f-melodie ist schon verhältnismäßig stark von a diffe¬ 
renziert. Es läßt sich in ihr aber noch entfernt ihr Ursprung 
aus der a-zeile erkennen, denn sie bewegt sich ungefähr um 
dieselben haupttöne herum wie die anderen zeilen. Der refrain 
hat, wie sich das von selbst versteht, eine mit a nicht ähnliche 
melodie. Irgendeine differenzierung innerhalb der ersten drei 
zeilen findet noch nicht statt. Dagegen sehen wir in der 
dritten zeile eine silbe zuviel (11 Silben statt 10). Diese ver- 


1) Von rein musikwissenschaftlichem Standpunkt betrachtet, bedarf die 
F^tissche Übertragung der nachprüfung. Ich habe sie aber doch gewählt, 
weil sie gleichzeitig als beispiel für den musikalischen ausgleich textlicher 
Unregelmäßigkeiten dienen kann (vgl. s. 27) und die art der Übertragung 
für unsere zwecke gleichgültig ist (vgl. s. 51, anm.). 


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77 


schiedenheit wird, wie wir schon öfter bemerken konnten, 
durch die musik ausgeglichen und ändert am Charakter der . 
melodie nichts. 

Hinweisen möchte ich auf die „weiblichen“ musik- 
endungen sowohl der a-melodien als auch des liedschlusses. 
(Vgl. den abschnitt über die meist weiblichen endungen der 
kadenzen.) 

Bei vers 626 in dem provenzalischen drama Sancta Agnes 
beginnt eine romanze in sonu: Bel patres cars , non vos vei res 
am mi , deren form 

a a ß y 
a io a io a io fr* 

ist. Die abschlußzeile ist hier kein refrain geworden. Die ihr 
vorausgehende zeile ist differenziert und mit a nicht mehr 
ähnlich. 

Zu zwei rotrouengen, Raynaud 1 ) 364 und 1914, deren 
metrisches Schema a 8 a 8 a 8 a 8 a 8 B 8 B 8 und deren musik nicht 
überliefert ist, nimmt Gennrich (Rotr. s. 28) ein musi¬ 
kalisches Schema aaaaa ßy an. Eine solche annahme 
würde nur im vollsten einklang mit den Prinzipien der schluß- 
differenzierung stehen. 

b) Weitere ausdehnung der Schlußdifferenzierung. 

Bei den eben betrachteten liedern erstreckt sich die end- 
differenzierung nur auf die letzte zeile vor dem refrain. Darauf 
blieb sie aber nicht lange beschränkt. In den folgenden liedern 
sehen wir, wie sie immer mehr von hinten nach vorn schreitet. 
Die vierte Sponsusmelodie 2 ), die von den Prudentes gesungen 
wird, hat das Schema: 

a a ß y 3 

a io a io a io a io Bl2* 

Hier sind die beiden letzten zeilen vor dem refrain schon voll¬ 
ständig von der differenzierung ergriffen, während die zweite 
zeile (a) erst den allerersten anfang dazu zeigt. Nur einige 
wenige, ganz unbedeutende nebentöne sind dort anders. 

1) G. Raynaud, Bibliographie des Chansonniers fran<jais. Paris 1884. 

2) Ludwig, a. a. o. s. 140. 


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Zwei Strophen im drama Sancta Agnes (v. 622 ff.) sind 
einer verlorengegangenen romanze nachgehildet, denn sie 
sollen in sonu: 

El bosc dar ai vist al palais Amlos 
A la fenestra de la plus aata tor 

gesungen werden. Die form dieser beiden Strophen ist: 

a a ß y <3 
a io a io a io a io 

d. h. die differenzierung erstreckt sich wieder über die letzten 
beiden zeilen. 

Derselbe fall scheint bei vers 1061 ff. desselben dramas 
vorzuliegen. Dort hat die romanze in sonu: Vein, aura douza , 
que vens d'outra la mar die form: a 10 a 10 a 10 a 10 b 6 . Die melodie 
dazu ist nur fragmentarisch erhalten, und zwar zu den ersten 
drei textzeilen. Ihr architektonisches Schema ist: a a ß. Die 
nächsten beiden zeilen fehlen. Anzunehmen ist aber nach 
analogie des vorher besprochenen El bosc clar , daß die diffe¬ 
renzierung sich auf die beiden letzten zeilen vor dem abschluß 
erstreckt. Darum möchte ich für dieses lied die form: 

a a ß ly <3 j 
a io a io a l0 a l0 ^6 

ansetzen. 

Trotz der einreimigen Strophe (a 10 a 10 a 10 a 10 ) müssen wir 
das lied Ai marida (Sancta Agnes , v. 947—966) hierher rech¬ 
nen. Dessen melodie hat die form: aaßy. Die melodie- 
zeile ß zeigt aber noch deutlich ihren Ursprung aus a. Darum 
können wir für die musik a aa y annehmen. Nehmen wir 
eine Vorlage zu diesem lied mit einer anders reimenden ab- 
schlußzeile an, die aus irgendwelchen gründen fortgelassen 
ist, so sind die beiden letzten zeilen vor dem fehlenden ab¬ 
schluß differenziert, die letzte stark, die vorletzte weniger. 
Betrachten wir aber die Strophe so wie sie ist als ursprünglich 
(eventuell wäre für den a-reim der vierten zeile eine anders 
reimende zeile anzusetzen), so wäre die melodie y der ab¬ 
schluß, der auf a gewirkt hat. Die differenzierung wäre dann 
geringer. 


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79 


Die altfranzösische rotrouenge (Rayn. 1406; Gennrich, 
ZrP 46, s. 339) Chanter me faxt amors hat die form: 

a a ß y ß' 

3-10 3 jq a 10 bjo Bio • 

Diese zeigt aber schon einige neue, von kunstdichtem herein¬ 
getragene elemente. Die letzte Strophenzeile hat denselben 
reim wie der refrain. Außerdem hat die melodie des refrains 
eine ähnlichkeit mit der dritten strophenzeile. Ich glaube, 
zur erklärung dieser musikalischen form von der Strophe ohne 
refrain ausgehen zu müssen. Dann wäre y ursprünglich der 
abschluß und ß eine stark differenzierte strophenzeile. Die 
melodie ß' wäre dann in künstlicher weise angefügt worden. 
Sodann mögen die melodien zueinander abgerundet worden 
sein, so daß der abschluß der gegenwärtigen ganzen form bei 
ß ' zu liegen kam. 

Ein ähnliches Verhältnis liegt bei der romanze Bele 
Yolanz (Bartsch, R. u. P. I, 7; Schläger, Romanzen nr. II) 
vor. Ihre musikalische und metrische form ist: 

a a ß y -\- refrainmelodie 

3 -io 3-10 3 jq a 10 Bg Bg. 

Von der 3. zeile ist nur der anfang und der Schluß von a ver¬ 
schieden. Ihr Ursprung aus a ist also noch deutlich zu er¬ 
kennen. Demnach müßte die musik so dargestellt werden: 
a aa y + refrainmelodie. Der refrain besteht aus 2 musik- 
zeilen, deren erste mit der 3. strophenzeile fast identisch ist. 
Die geringe abänderung entsteht durch Zusammenziehung 
der letzten töne zu einem melisma, um die 2 Silben, die diese 
zeile weniger hat als die dritte, auszugleichen. (Also wieder 
ein fall von ausgleich von Silbenzahlschwankungen durch die 
musik!) Die zweite refrainzeile ist bis zur hälfte gleich der 
ersten, ist dann aber umgebildet zu einem abschluß der 
Strophe. Danach ist das musikschema: aaa y a a". Wir 
müssen also auch in diesem fall zur erklärung der musika¬ 
lischen form von der Strophe ohne refrainmelodie ausgehen. 
Die zeile y wäre der ursprüngliche abschluß, was ihr musika¬ 
lischer Charakter noch verrät. Die zeile ß oder vielmehr a 


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80 


ist durch Schlußdifferenzierung vor y entstanden. In künst¬ 
licher weise ist sodann ein refrain angefügt worden, zu dem 
die differenzierte a-melodie, also ß verwandt worden ist. Die 
Sachlage ist also ganz analog der von Chanter me fait amors. 
Nur ist dort ß (die differenzierte a-zeile) so stark differenziert, 
daß ihr Ursprung aus a nicht mehr zu erkennen ist. 

Ein geistliches gedieht: Vame qui quiert Dieu de veraie 
entente (Schläger, Zur Rh., ZrP 36, s. 371 ff.) hat die form: 

a a ß y a + a 

<*io <*io <*io a 10 B4 B9. 

Der refrain schließt sich in seiner musik an das hauptthema 
des Strophenkörpers, also an die melodie a, an. Die kurz- 
zeile (BJ ist ein teil, und zwar der Schluß, und die langzeile 
(B # ) eine abänderung der melodie a. Die eigentliche, ursprüng¬ 
liche kadenz muß daher wohl bei y liegen, und ß wäre archi¬ 
tektonisch ursprünglich eine stark differenzierte a-zeile, die 
aber in diesem falle schon so stark differenziert ist, daß nicht 
mehr die geringste ähnlichkeit mit a zutage tritt. 

Etwas komplizierter ist die romanze En chambre a or 
(Bartsch, R. u. P. I, B8; Schläger, Romanzen nr. VIII) von 
Audefroi dem Bastard gebaut, deren metrisches Schema 
au a 12 a 12 a^ a u B 8 B 8 ist. Musikalisch sind die beiden ersten 
zeilen in der hs. Bibi. Nat. 844 vollständig gleich. In der 
anderen hs. Bibi. Nat. 12 615 zeigen sich schon geringe Ver¬ 
schiedenheiten. Dies Stadium muß als etwas weiter fort¬ 
geschritten bezeichnet werden; denn wir können hier das über¬ 
greifen der rückwärtigen differenzierung auf die 2. zeile beob¬ 
achten. Die 3. zeile ist selbständig. Die 4. melodiezeile hat 
am anfang Verwandtschaft mit der ersten, und zwar in 
höherem grade bei hs. 844, etwas weniger bei hs. 12 615. Die 
6 . zeile ist verwandt mit der 4. und daher auch mit der 1. 
Der refrain führt eine vollständig neue, selbständige melodie 
ein. Das musikalische Schema ist demnach: a a ß a' a" y ö. 
Die erklärung dieser form ist etwas schwieriger. Zunächst 
muß wohl die melodie ß als die ursprüngliche coda angesehen 
werden, an die dann in ähnlicher weise wie in den vorher- 


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81 


gehenden fällen noch 2 zeilen angefügt sind, die ihre melodien 
der Strophenkörperlitanei entnehmen. Dann ist an diese 
form von neuem eine coda angefügt. So erscheint also diese 
form als mehrfach zusammengesetzt. Ihre ursprünglichen 
elemente sind: litaneienmelodie, (frühere) coda, neue zeilen 
mit litaneienmelodie und der abschluß der ganzen Strophe. 

Die 4 letzten Strophen dieser romanze haben eine zeile 
mehr, also 6 zwölfsilbner. An ein versehen des Schreibers ist 
nicht zu denken, und es ist daher eine tilgung dieser zeilen, 
wie sie Orth vorschlägt, abzulehnen. Es muß also eine 
Strophenzeile noch einmal gesungen worden sein. Es fragt 
sich nur, welche. Die zeile ß , die wir als eine ehemalige coda 
ansehen, kommt nicht in frage, auch die nachträglich zu¬ 
gefügten zeilen a a" nicht. Einer Unregelmäßigkeit in der 
silbenzahl sind am natürlichsten die alten litaneienglieder 
fähig. Darum müssen wir für diese Strophen das musikalische 
Schema: a a a ß a' a" y d ansetzen. 

Über mehrere zeilen erstreckt sich die Schlußdifferen¬ 
zierung in der von Audefroi dem Bastard stammenden 
romanze Au novel tens (Bartsch, R. u. P. I, 69; Schläger, 
Romanzen nr. IX). Ihr strophenschema ist: 

&12 a 18 a 12 dL n Bg Bg. 

Die ersten beiden zeilen sind musikalisch gleich, wenn man 
von ganz geringfügigen spuren von differenzierung der 
2. zeile in der hs. Bibi. Nat. 20 060 absieht. Die 3., 4. und 
6. zeile sind stark differenziert. Sie zeigen aber in ihrer all¬ 
gemeinen anlage eine Verwandtschaft mit a. Diese tritt am 
Schluß der 6. zeile, der in der hs. 20 060 gleich dem der 
a-zeilen ist, stärker zutage, während in der hs. 844 diese spur 
schon mehr verwischt ist. Die musik dieser romanze ist also: 

aaßy <3 (0) e £. 

Die romanze Bele Emmelos (Bartsch, R. u. P. I, 60; 
Schläger, Romanzen nr. V), ebenfalls von dem Bastard 
Audefroi, zeigt folgendestrophenform: a 10 ' a 10 ' a 10 ' b 8 b 8 B 8 . 
Die beiden ersten musikzeilen sind noch fast gleich. Eine 
geringe differenzierung macht sich jedoch schon am anfang 

Storost, Geschichte der Romansenstrophe. 6 


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82 


der 2. zeile bemerkbar. Die 3. zeile ist bedeutend stärker 
verändert. Sie läßt die Verwandtschaft mit a jedoch noch 
erkennen. Eine vollständig neue melodie führen die beiden 
achtsilbigen verse mit neuem reim ein. Diese melodie mit 
der des refrains zusammen müssen wohl als erweiterte coda 
angesehen werden. Etwas Verwandtschaft untereinander 
zeigen die beiden Strophenabschlußzeilen auch, wohingegen 
die refrainzeile völlig selbständig ist. Das musikalische 
Schema ist danach a a a" ß ß f y. Würde in diesem falle die 
differenzierung noch um ein weniges weitergehen, so daß die 
Verwandtschaft der ursprünglich gleichen zeilen nicht mehr 
zu erkennen wäre, dann hätten wir schon eine durchkompo¬ 
nierte Strophe vor uns, und die Zeilenzahl der Strophe wäre 
somit durch die musik festgelegt. 

Die auch von Audefroi stammende romanze Bele Ysa- 
biaus (Bartsch, R. u. P. I, 66; Schläger. Romanzen nr. VI) 
ist fast wie die vorhergehende gebaut. Ihr reimschema ist: 
an/ a 12 ' a 12 ' b 8 b 8 C<$. Musikalisch sind die ersten beiden zeilen 
gleich. Die dritte ist stark differenziert. Die beiden b-zeilen 
mit neuer melodie sind wieder unter sich verwandt. Der 
refrain ist selbständig. Schläger möchte jedoch eine ge¬ 
wisse ähnlichkeit mit den beiden vorangehenden zeilen fest¬ 
stellen. So ist die musikalische architektonik dieser romanze: 
aaßyy' <5 ,y) , wobei die coda (yyd) eine starke entwicklung 
zeigt. 

Die romanze Bele ldoine (Bartsch, R. u. P. I, 67; 
Schläger, Romanzen nr. VII), auch von Audefroi, hat 
folgende reime: a 12 ' a ]2 ' a u ' a 12 ' a u ' B 10 ' B 8 '. Musikalisch 
zeigt schon die 2. zeile eine differenzierung. Die 3. und 4. 
dagegen erscheinen selbständig. In der 6. zeile ist die Ver¬ 
wandtschaft mit a wieder zu erkennen. Ihr anfang ist selb¬ 
ständig, von der Zäsur an ist sie aber mit ausnahme der 
letzten töne gleich a. Der refrain zeigt eine selbständige 
codamelodie. Sein 2. vers hat gewisse anklänge an die 
4. strophenzeile. Ob dies zufall ist oder vom dichter beab¬ 
sichtigt, ist nicht recht zu entscheiden. Die musik dieser 
romanze wäre also: a a' ß y a” ö £ ,y) . Schläger faßt die 


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83 


« 


melodie dieser romanze etwas anders auf. Er trennt von der 
1. refrainzeile die ersten beiden silben mit den Worten He Diex 
ab und rechnet die dazugehörigen noten noch zur Strophe. 
So ergäbe sich folgendes bild: 


a a ß y a" de 

a 12 a 12 a 12 ' a 12 a J2 I B 2 C s ' C/, 


was aber eine eigenartige Unstimmigkeit zwischen refrain und 
refrainmelodie auf weisen würde. 


Drei Strophen (str. 5, 20, 24) dieser romanze haben nur 
4 zwölfsilbner. Irgendwelche lücken im text sind nicht zu 


bemerken. Es muß in diesen Strophen irgendeine musikzeile 
weggeblieben sein. Es kommt am ehesten dafür in frage a" 
oder a. Strophe 16 dagegen hat 6 zwölfsilbner. Hier wird 
wohl am gegebensten die ursprüngliche litaneienmelodie, 
also a, wiederholt worden sein. 


c) Differenzierung durch abwechslung. 

Eine andere art von differenzierung liegt bei der romanze 
Oriolanz en haut solier (Bartsch, R. u. P. I, 10; Schläger, 
Romanzen nr. IV) vor. Sie verdankt ihre entstehung, wie 
wir gleich sehen werden, einer tendenz zur abwechslung. 
Diese romanze hat folgende Strophe: a 8 a 8 a 8 a 8 a 8 B 8 B 8 \ Die 
musik des Strophenkörpers ist aßaßy. Die melodie y ist 
in dem Schema die eigentliche, ursprüngliche coda. Die 
melodiezeilen ß sind gleich a mit ausnahme einer geringen 
differenzierung am ende der zeilen. Außerdem stehen sie 
eine terz tiefer als a. Das bestreben nach abwechslung ist 
also hier sehr deutlich zu erkennen. Wir haben daher für das 
eben gegebene musikschema besser aa' aa' ß zu schreiben. 
An dies an und für sich geschlossene musikalische strophen- 
schema ist dann noch ein refrain angefügt, dessen erste zeile 
selbständig ist, also ein neues thema zeigt, während die zweite 
die melodie von a noch einmal bringt. Der weibliche ausgang 
dieser zeile ist aber nicht, wie es gewöhnlich üblich ist, durch 
wiederholen der schlußnote untergebracht, sondern man hat 
innerhalb der zeile eine andere Verteilung der noten vor¬ 
genommen, indem vier vorher auf zwei silben {en haut ) 

6 * 


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84 


kommende noten auf drei (eie ata -) verteilt wurden. Das 
musikalische Schema der ganzen Strophe ist demnach: 
a a a a ß y a. 

Etwas andere Verhältnisse liegen bei der romanze Bele 
Doette (Bartsch, R. u. P. I, 3; Schläger, Romanzen nr. III) 
vor. Ihr textliches Schema ist: a 10 a 10 a 10 a 10 Die 

assonanzen des Strophenkörpers sind in beliebiger weise mal 
männlich, mal weiblich. In den ersten 6 Strophen besteht 
der refrain nur aus einem männlich ausgehenden fünfsilbner. 
In Strophe 6, 7 und 8 kommt dazu noch ein zwölfsilbner mit 
dem gleichen reim. Der musikalische aufbau ist: aß aß y. 
Irgendwelche ähnlichkeit zwischen den beiden zeilen a und ß 
ist in diesem fall nicht mehr festzustellen. Die zu wieder¬ 
holende melodie erstreckt sich vielmehr wie die des Aucassin 
über 2 verse. Die melodien a und ß bilden also eine einheit. 

Eine Schwierigkeit entsteht in der musikalischen Unter¬ 
bringung der 2. refrainzeile. Da die musik nur zur 1. Strophe 
angegeben ist, so fehlt diese musikzeile, die erst von Strophe 6 
an hinzutreten würde. Mag sie auch nicht dem originale an¬ 
gehört haben, so ist sie doch von einem Sänger hinzugefügt 
worden, der sie auch gesungen hat. Schläger nimmt an, 
daß eine Strophenzeile, wahrscheinlich die zeile a, zu diesem 
zweck verwandt wurde. Gestützt wird diese annahme durch 
die musik der romanze Oriolanz en haut solier, denn bei dieser 
wird, wie wir gesehen haben, für die 2. refrainzeile die melodie 
der 1. strophenzeile verwandt. Als melodieschema würde 
daher nach analogie von Oriolanz aß aßy a anzusetzen sein. 
Bei dieser annahme müßten natürlich durch auflösung irgend¬ 
welcher melismen die beiden überschüssigen Silben des zwölf- 
silbners untergebracht werden. Die Schlägersche annahme 
kann aber auch angezweifelt werden. Es liegen nämlich in 
der romanze En un vergier ganz analoge Verhältnisse beim 
refrain vor. Dieser besteht aus einer kurzzeile und einer lang- 
zeile. Die erstere hat 6, die zweite 10 Silben. Die musik der 
2. zeile bringt aber nicht die melodie des Strophenkörpers 
noch einmal, sondern weist ein vollständig neues thema auf. 
So ist also die annahme einer neuen melodie für die 2. refrain- 


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zeile in der romanze Bele Doelte zum mindesten ebenso be¬ 
rechtigt wie die andere. Darum könnte als musikalisches 
Schema auch aß a ßy d in frage kommen. 

Eine nachbildung ohne angabe des Originals befindet sich 
in der „Heiligen Agnes“ (v. 635—658): Michel , vai vesitar 
Aines la mia moller. Zwar ist die Strophe dort nur einreimig: 
a i 2 a i 2 a i 2 a i 2 a i 2 » aber die musik: aß aßy ist ganz die einer 
romanze, wie wir sie eben betrachtet haben, und die letzte, 
abschließende zeile macht es wahrscheinlich, daß als original 
eine Strophe in romanzenform Vorgelegen habe, deren form 
a a a a b gewesen sein muß. 

Das bekannte lied von Richard Loewenherz: Ja nus 
hons pris ne dira sa raison (Rayn. 1891; Gennrich, Rotr. 
s. 20) gehört auch hierher. Seine form ist: 

a ß a ß y d (a) 
a io a io a io a io a io 

Die litaneienmelodie erstreckt sich hier auch schon auf 
2 verse. Zur melodiezeile des kurzverses ist die melodie der 
1. Strophenzeile nutzbar gemacht, und zwar ist der 2. teil, 
von der Zäsur ab, verwandt worden. Nur die 1. note und der 
Schluß sind leicht abgeändert. 

d) Kombination beider differenzierungsarten. 

Bei anderen liedern finden wir musikalische abwechslung 
und enddifferenzierung vor der refrainmelodie. Es sind also 
beide typen der musikdifferenzierung kombiniert. Ein solcher 
fall liegt z. b. bei dem lied Quant oi tentir et las et haut von 
Gontier de Soignies (Rayn. 396; Spanke, Lieders. 
nr. 100) vor, dessen form nach Spanke 

a ß a ß y d e e' 

Ug ag ag ag ag ag Bg Bg 

ist. Auch bei Quant voiestA et le tens revenir (Spanke, Lieders. 
nr. 108) ist die form ähnlich: 

ä ß a ß y (3 d* 
a io a io a io a io a io Bio Bio* 


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Stark differenziert ist die litaneienmelodie in der pastou- 
telle L'autrier chevauchoie delez Paris (Rayn. 1683; Genn- 
Tich, Rotr. s. 36). Trotz der länge der Strophe herrscht in 
ihr ein musikalisches thema vor, an das sich eine mehrfach 
wiederholte auch differenzierte coda anschließt. Die form ist: 

/ / // /// // fff q/ q ry 

aaaaaaaappp 
a io a io a io a io a io a io a io a io kn Bn Bii* 


Die differenzierung durch abwechslung ist hier sehr deutlich 
zu erkennen. Statt einer gewöhnlichen enddifferenzierung, 
wie wir sie oft gefunden haben, wird die letzte musikzeile des 
refrains als Strophenabschluß schon vorausgenommen. 

In der eben schon erwähnten rotrouenge Quant oi tentir 
(Rayn. 396; Gennrich, Rotr. s. 30) ist die form nach 
Gennrich: 


a ß a ß y ß' ö ß 


a 8 a 8 a 8 a 8 a 8 a 3 B 7 B 


f 

6 1 


wobei die melodie ß mehrfach innerhalb der Strophe wie auch 
als abschluß des ganzen verwendet wird. Das melodieschema 
läßt bei dieser form das reimschema wenig erkennen. 


e)Noch stärkeres abweichen der melodie vom text- 

schema. 

In dem lied Chanter me faxt bons vins (Rayn. 1447; 
Gennrich, Z. d. afr. Rotr., ZrP 46, s. 339) ist irgendein Zu¬ 
sammenhang zwischen text und musik nicht mehr festzu¬ 
stellen. Das lied hat die form: 

a ß y ff ' 

a io a io a io bio bio . 

In der „Heiligen Agnes“ sind vers 497—618 vier Strophen 
nach der melodie der alba Reis glorios von Giraut de 
Bornelh verfaßt. Die strophenform des Originals: a 10 a 10 
bio' b 10 ' C e ' ist nur in der 1. Strophe beibehalten. Die 
übrigen Strophen sind aber zu romanzenstrophen von der 
form: a 10 a 10 a 10 a 10 b 6 ' abgeändert. Die melodie dazu ist: 
aßyyö. Das Strophenschema ist also in der musik nicht 
mehr zu erkennen. 


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87 

f) Art der differenzierung und festlegung der 

Zeilenzahl. 

Bei der im vorigen kapitel betrachteten älteren 
romanzenform war, wie wir uns erinnern, noch ein voll¬ 
ständiger parallelismus zwischen musikalischem und me¬ 
trischem Schema vorhanden. Die formel, nach der diese 
romanzen gebaut sind, ist: 

a a a(...)ß 
a a a (...) B. 

Eine festlegung der Zeilenzahl der einzelnen Strophe erfolgte 
nur als analogie zur kirchlichen strophischen dichtung. Sie 
war aber durch die musik dieser strophenart nicht innerlich 
bedingt. So haben wir gesehen, daß bei dieser form eine rück- 
kehr zur natur des litaneienprinzips möglich war, d. h. ihre 
musik gestattete ohne weiteres, daß einzelne Strophen einige 
zeilen mehr oder weniger hatten als die anderen. Im gegensatz 
zu dieser älteren romanzenform zeigen die in diesem kapitel 
betrachteten Strophen eine allmähliche entwicklung zu einem 
neuen typ, den ich als die jüngere romanzenstrophe 
bezeichnen möchte. Die durch die differenzierung der ein¬ 
zelnen ursprünglich gleichen litaneienglieder bedingte ent¬ 
wicklung, die durch eine geschmacks- und empfindungs- 
beeinflussung von der höheren kirchlichen musik verursacht 
war, geht dahin, die musik in jeder zeile anders zu gestalten 
und so den ursprünglichen parallelismus zwischen text und 
musik aufzuheben. Die letzte phase dieser entwicklung ist 
die durchkomponierte Strophe, bei welcher die musik die 
Zeilenzahl innerhalb der Strophe absolut eindeutig festlegt. 
Dieser Vorgang läßt sich an der musik der uns mit noten 
überlieferten und vorhin besprochenen romanzenstrophen ver¬ 
folgen. Dabei können wir außer einer regellosen geringen 
Variation, die in allen zeilen und an beliebigen stellen in er- 
scheinung treten kann und die nur auf einen drang zur Ver¬ 
zierung zurückgeht, mehrere arten der differenzierung fest¬ 
stellen. 


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Die erste art scheint ihre entstehung dem einfluß des 
folgenden abschlusses mit neuer, der litanei gegenüber selb¬ 
ständiger melodie zu verdanken. Bei diesem typ findet eine 
von hinten ausgehende differenzierung statt. Zuerst sind nur 
die letzten töne vor dem abschluß abgeändert. Bei weiterer 
entwicklung wird die ganze letzte zeile von der differenzierung 
ergriffen, dann die vorletzte usw. Diese entwicklung würde 
sich schematisch so darstellen lassen: aaaaß > aaäa ß > 
äaa a" ß > aa a" a'" ß. In einigen fällen können wir sogar 
das übergreifen der differenzierung auf eine vorhergehende 
zeile hei einem und demselben lied in zwei verschiedenen hand- 
schriften beobachten. So sind in der einen zwei zeilen noch 
gleich, in der andern dagegen ist die zweite schon etwas ver¬ 
ändert. Ist die differenzierung genügend groß, so ist oft die 
ursprüngliche gleichheit oder Verwandtschaft der Strophen¬ 
zeilen nicht mehr zu erkennen. Es würde also aus aaaaß 
ein aaaßy, aus aaa! ßy ein aaßy d, aus aa! ßy d ein 
a ßy de oder aus a a! a" a!" ß ein aßy de werden. Ist das 
letzte Stadium erreicht, so muß die Strophe als durchkompo¬ 
niert angesehen werden, d. h. die Zeilenzahl in der Strophe 
ist jetzt innerlich festgelegt und kann keine Schwankungen 
mehr zulassen. 

Eine andere art der differenzierung verdankt ihr dasein 
dem bestreben, in die einförmigkeit der litaneien abwechslung 
hineinzubringen. So wird z. b. die 1. und 3. zeile bei der 
litaneienwiederholung beibehalten, während die 2. und 4. ver¬ 
ändert werden. Eine ältere romanzenstrophe würde also so 
verändert werden: a a a a ß > a a! a a! ß. Bei zunehmender 
stärke der differenzierung werden sich a und a so unähnlich, 
daß aus dieser Strophe aß a ßy wird. Natürlich braucht 
solche entwicklung nicht bei einem lied alle phasen zu durch¬ 
laufen. Vielmehr kann ein melodieerfinder auf der von anderen 
erreichten stufe aufbauen. Die beiden melodien a und ß 
werden bald als eine einzige längere auf gef aßt, so daß die 
späteren gestalter gleich längere, zwei verse umfassende melo¬ 
dien verwenden. Bei der romanze Bele Doette und bei der 
musik zu Aucassin et Nicolette z. b. ist dieses Stadium erreicht. 


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Die romanze Oriolam en haut solier dagegen zeigt diese ent- 
wicklung in einem primitiveren Stadium. Wie wir uns er¬ 
innern, war ihr musikalisches Schema: aß a ßy da oder viel¬ 
mehr a a’ a a' ß y a. Die melodie ß (= a') ist nämlich mit 
ausnahme einer geringen abänderung am Schluß gleich der 
von a. Nur steht sie eine terz tiefer. Auch diese art der 
differenzierung führt zu einer festlegung der Zeilenzahl oder 
vielmehr zu einer bedeutenden erschwerung der rückkehr zu 
schwankender Zeilenzahl. 

Diese beiden haupttypen der differenzierung können auch 
kombiniert werden, indem abwechselnde differenzierung statt¬ 
findet, während zugleich von hinten die enddifferenzierung 
einsetzt. Dies wäre schematisch etwa so darzustellen: 
ad aa' a" a”' ß = aßaßyde. Daneben bestehen aber noch 
alle möglichen Varianten und kombinationen. Auch kombi- 
nationen mit der alten litanei sind möglich, indem nach einer 
schon ziemlich differenzierten Strophe mit abschluß noch die 
melodie des anfangs, also die ursprüngliche litaneienmelodie 
angefügt wird, die natürlich auch den ersten zeilen gegenüber 
verändert sein kann. Wird diese melodie am Schluß nicht bloß 
einmal, sondern mehrere male verwandt, so können diese 
zeilen wieder untereinander differenziert werden. 

Die entwicklung ist also die, die musik innerhalb der 
Strophe vom ursprünglichen litaneienprinzip möglichst weit 
zu entfernen. Und damit geht hand in hand die festlegung 
der im gegensatz zur älteren romanzenstrophe bei der jüngeren 
durch das wesen ihrer musik innerlich bedingten Zeilenzahl. 
Auf diesem wege finden sich noch einige unregelmäßige 
Strophen bei verhältnismäßig entwickelter musik. Diese er- 
scheinung wird aber mehr und mehr verdrängt und stirbt 
schließlich ganz ab. 

3. Das textliche Strophenschema bleibt konservativ. 

Trotz dieses Umschwunges in der musikalischen archi- 
tektonik bleibt textlich die romanzenstrophe noch länger er¬ 
halten. Die Ursache des aufgebens des parallelismus zwischen 
text und musik liegt ja bekanntlich auf musikalischem gebiet. 


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Sie ist durch die herausbildung eines entwickelteren musi¬ 
kalischen geschmacks gegeben. Das reimschema wird davon 
zunächst noch nicht betroffen. Es verhält sich konservativ 
und behält die alte form bei. Eine abänderung können wir 
allerdings bei einigen entwickelteren romanzen beobachten. 
Bei diesen greift der reim des refrains auf den Strophenkörper, 
und zwar auf dessen Schluß, über. Ebenso kann auch am 
Strophenschluß ein vollständig neuer reim verwandt werden. 

4. Form des refrains. 

Der aus einer musikalischen coda entstandene refrain mit 
neuer melodie bestand ursprünglich nur aus einer allein¬ 
stehenden kurzzeile. Indem sich seine melodie weiter ent¬ 
wickelte, nahm auch seine ausdehnung zu. Er wurde zur 
langzeile und erstreckte sich bald auch über mehrere zeilen. 
Auch konnte er, wenn eine musikalische coda schon voraus¬ 
ging, die litaneienmelodie des Strophenkörpers wieder ver¬ 
wenden. Die häufigsten refrainformein sind: 

1 . eine reimlose kurzzeile, 

2 . eine reimlose langzeile, 

3. zwei ungleiche kurzzeilen, die miteinander reimen, 

4. eine kurzzeile, die mit einer langzeile reimt, 

6. zwei gleiche untereinander reimende zeilen, die dieselbe 
länge haben können wie die Strophenzeilen, 

6 . zwei reimlose verschieden lange zeilen. 

5. Keine Volksmusik. 

Diese romanzen sind von der rein literarischen forschung 
immer als musterbeispiele des Volksliedes hingestellt worden. 
Betrachten wir aber ihre musik, so finden wir, daß dies nicht 
so sein kann. Wie wir gesehen haben, ist sie reine kunst- 
musik. Ihre architektonik entfernt sich schon ganz bedeutend 
von der der volkstümlichen litaneien. Zum teil sind die 
themen mit großer kunst verarbeitet worden. Das volk wird 
zu jener zeit noch seine einfachen litaneien gesungen haben. 
Die natürliche ent Wicklung der litaneien führt aber nur dazu, 
diese in ihrer länge weiter auszugestalten, also im sinne der 
alten „rufe“, schnaderhüpfel oder mancher volkslieder- 


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Strophen der heutigen zeit, bei denen die litanei so weit aus¬ 
gedehnt ist, daß sie sich über mehrere verse erstreckt. Die 
entwicklung, die wir bei den romanzen gesehen haben, zeigt 
aber allerlei andere, künstliche elemente, die nur aus der 
höherstehenden kirchenmusik gekommen sein können. 

Außer der musikalischen architektonik ist besonders die 
art der melodieführung wichtig und entscheidend. Die Volks¬ 
lieder sind einfach und haben meistens auf jeder note eine 
silbe. Melismen begegnen uns seltener und gewöhnlich nur 
dann, wenn eine durch den text bedingte melodiezusammen- 
ziehung stattgefunden hat. Die musik der romanzen zeigt 
dagegen eine fülle von melismen, musikalischen Verzierungen 
und Schnörkeln, die es unmöglich erscheinen lassen, daß solche 
lieder von einem volkssänger gesungen werden konnten. Viel¬ 
mehr war solche reiche ausschmückung mit künstlichem 
passagenwerk bei den Sologesängen der kirchlichen berufs- 
sänger üblich. Und noch viel unmöglicher ist die annahme, 
daß sie von leuten aus dem Volke erfunden worden sind. 
Sowohl solche melodien zu erfinden und zu verarbeiten als 
auch ihre gesangliche ausführung verlangte musiker, wie sie 
nur in den damaligen geistlichen schulen ausgebildet wurden 
und die über eine vollkommene gesangstechnik verfügten. 
In diesem sinne sagt Beck (Mus. d. Tr. s. 96): „La musique 
des chansons d’histoire est artificielle et compliquöe et se 
rapproche de celle des alleluia; plusieurs romances et pastou- 
relles se chantaient möme note pour note sur des airs de com- 
positions religieuses. La musique des chansons d’histoire est 
peut-ötre la plus savante que des troubadours aient com- 
pos^e.“ Und weiter sagt er (s. 103): „Quoi qu’il en soit, les 
chansons de toile n’ont pas £t£ compos^es pour, et moins 
encore par de petites fileuses de lin, mais par des po&tes- 
musiciens consomm^s.“ Um einen eindruck von der melodie¬ 
führung der romanzen zu geben, möchte ich hier als beispiel 
die romanze Bele Doette herausgreifen und in der Übertragung 
von Schläger bringen. In der Übertragung von Beck, der 
sie im 3. modus bringt, sieht diese romanze noch sehr viel 
künstlicher aus. Ob diese romanze wirklich so gesungen 


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worden ist, wissen wir nicht. Bei Schläger hat diese romanze 
einen etwas einfacheren Charakter, da die gedrängte rhythmik 
fortfällt. Aber die melismen und koloraturen über den ein¬ 
zelnen noten ebenso wie der tonumfang der melodie bleiben 
bestehen. 


a 



Lit en un li - vre, maia an euer ne l’en tient: 


a 



Qu’en an - tres ter - res est a * lez tor - noi - er. 



£ or en ai dol. 


Vergleichen wir die musik dieser romanze mit der des 
Audigier : 



Au - di-gier, dist Raim-ber - ge, bou - se vous di 


die wir unzweifelhaft als die einer volkstümlichen litanei an- 
sehen müssen, so werden wir den unterschied gleich sehen. 
Von irgendwelcher melismatischen ausschmückung dieser 
Audigierzeile ist keine spur zu entdecken. Soviel Silben der 
vers hat, soviel noten sind auch vorhanden. Der umfang der 
melodie, den wir als kriterium für die höhe der erreichten 




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musikalischen kultur der betreffenden entwicklungsstufe an- 
sehen können 1 ), ist gering. Br beträgt nur eine quarte. Die 
Audigierzeile stellt den typus des damabgen volksgesanges 
dar. Sie gibt uns ein bild eines trockenen, rezitativischen 
satzes, wie er so recht zur Wiederholung als litanei geeignet ist. 

In der romanze Bele Doette ist dagegen der tonumfang 
der melodie ein ungleich größerer. Er erstreckt sich über mehr 
als eine oktave. Sogar in einem einzigen wort wird schon eine 
Oktave durchlaufen. Die melismatische ausschmückung ist 
so stark, daß über die hälfte der Silben melismen aufweisen, 
deren länge zwischen 2 und 7 tönen schwankt. Zur Charak¬ 
teristik der musik dieser romanze möchte ich wieder worte 
von Beck (Mus. d. Tr. s. 103f.) anführen, der sich darüber 
wie folgt äußert: „Voici par exemple la chanson de la Belle 
Doette, qui litt&airement et musicalement trahit une main 
des plus expertes.“ — „La musique est d’une rare finesse. 
Mais quelle Science n’a-t-il pas fallu ä l’auteur pour mettre 
ces vers en musique, et surtout pour rendre la douleur du 
refrain: E or en ai doll Croira-t-on que des vocalises, comme 
nous les trouvons sur les mots livres et terres, aient jamais 
pu §tre exöcut&s dans un gynöcfo? Des cadences aussi 
compliqu^es exigeaient de tout autres artistes. C’est de la 
musique on ne peut plus savante et raffin^e qui exclut non 
seulement toute origine populaire, mais encore toute popu- 
laritA Les seuls modales desquels on puisse les rapprocher 
sont encore les modulations des mölodies gr^goriennes.“ 

Volkstümlich waren diese romanzen also nicht, wenig¬ 
stens nicht im gewöhnlichen sinne des Wortes. Sie wurden von 
trouvferes komponiert und gesungen. Diese verbreiteten 
sie in den schlossern der ritter und adligen herren, wo sie be¬ 
kannt und beliebt wurden. Dort mögen sie eine Popularität 
genossen haben, die sich nur auf diese gebildetere Schicht be¬ 
schränkte. 

1) Der u mfa ng der serbischen and kroatischen heldenlieder besteht 
z. b. nur aus 2—3 tönen. Bei den gesängen der finnisch-ugrischen Völker 
finden wir ähnliches; allerhöchstens kommt mal ein umfang von einer quinte 
oder sexte vor. Die gesänge der primitiven haben sogar oft nur den umfang 
einer kleinen Sekunde. 


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Etwas von der alten schulmeinung, daß diese romanzen 
vom volk gesungen wurden, möchte Gerold retten. Daß 
diese romanzen nicht von kleinen fileuses de lin gesungen oder 
komponiert sein konnten, sondern von hochstehenden kunst- 
dichtern, gibt er zwar zu. Er möchte dies aber nur für die 
überlieferte fassung einräumen, und er glaubt, daß diese 
melodien bearbeitungen von älteren gewesen seien, die ohne 
die komplizierten und schwierig zu singenden melismen und 
koloraturen waren. Diese ausschmückung der melodien wäre 
dann erst von den kunstsängern vorgenommen worden. 
Nehmen wir also von einer romanze diese Verzierungen fort, 
wie es Gerold mit der romanze Bele Doette tut, so wird die 
melodie zwar wesentlich vereinfacht. Aber ihr tonumfang 
und ihre verhältnismäßig komplizierte architektonik bleiben 
bestehen. Diese beiden elemente allein würden schon genügen, 
diesen melodien eine Verbreitung im volke, das damals noch auf 
dem litaneienstandpunkt stand, abzusprechen. Außerdem ist es 
sehr unwahrscheinlich, daß bei der damaligen Verachtung 
von allem, was mit vilain zusammenhing, doch wirkliche Volks¬ 
lieder aufgezeichnet wurden. Irgendein interesse für die volks- 
poesie und Volksmusik, wie wir es heute haben, bestand da¬ 
mals noch nicht. Die dichtermusiker rühmten sich ihrer 
kunstmusik und waren stolz darauf. Nur sie wurde von den 
Schreibern wert gehalten, aufgezeichnet und überliefert zu 
werden, und es ist nur eine zufällige ausnahme, daß uns eine 
wirkliche volksmelodie in gestalt der Audigierzeile überliefert 
ist. Diese haben wir nur dem umstände zu verdanken, daß 
sie als parodie, und nicht als ernst zu nehmendes lied ange¬ 
führt wird. 

6. Nicht mit noten überlieferte romanzen. 

Eine große anzahl von altfranzösischen romanzen und 
anderen liedern mit dieser Strophenform sind uns leider ganz 
ohne musik erhalten. Eine Zuordnung dieser lieder entweder 
zur älteren oder zur jüngeren romanzenstrophe ist daher nicht 
möglich. Immerhin können wir sagen, daß die, welche noch 
ungleiche Strophen auf weisen, die größere Wahrscheinlichkeit 
haben, zur älteren gerechnet zu werden. Bei geringer und 


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nur gelegentlicher Schwankung kann dagegen schon eine 
jüngere form vorliegen, deren musik noch nicht so gefestigt 
ist, daß sie Schwankungen unmöglich macht. Einige solcher 
beispiele konnten wir hei der besprechung der mit noten 
überlieferten romanzen beobachten. Romanzenstrophen mit 
gleicher Zeilenzahl dagegen werden, wenn bei ihnen nicht eine 
künstliche, streng durchgeführte begrenzung der Zeilenzahl 
vorliegt, wohl zur jüngeren form gerechnet werden müssen. 

Wie wir uns entsinnen, war bei der behandlung des liedes 
Pos de chantar von dem Grafen von Poitiers eine rekon- 
struktion der melodie erwähnt worden, die Beck versucht hat 
(abgedr. bei Jeanroy, Guill. IX s. 42). Nach dieser müßte 
das lied der jüngeren romanzenform zugerechnet werden. 
Allerdings gibt Beck nur 2 zeilen, denn er vervollständigt 
nur die zweite. Die 3. und 4. zeile sind so aber noch nicht 
erklärt. Die 2. zeile zeigt, soweit sie erhalten ist, eine gewisse 
Verwandtschaft mit der ersten; denn die aufeinanderfolge der 
tonstufen ist bis zu dem punkt, wo die melodie abbricht, bei 
beiden zeilen gleich. Würden wir dies lied in dem sinne 
konstruieren, daß es zur jüngeren romanzenstrophe gehört, 
so wäre seine musikalische architektonik etwa a a' a " ß oder 
aa' ßy. Ganz durchkomponiert ist es jedenfalls noch nicht. 

Neuerdings hat Gennrich in seinem aufsatz: „Zur Ur¬ 
sprungsfrage des Minnesangs“ (Deutsche Vierteljahrsschrift 7) 
seine frühere meinung über dies lied geändert. Er möchte 
in ihm eine hymnenstrophe sehen, deren musik durchgegliedert 
wäre. Das Schema dieses liedes wäre danach: 

a ß y 6 

a a a b, 

% 

also eine jüngere oder sogar „allerjüngste“ romanzen- 
strophe. Wenn der Graf solche musikalische form gekannt 
hätte, dann hätte er wohl in seinem formenschatz nicht eine 
so begrenzte zahl von Strophenformen verwandt. Nach 
meiner meinung geht diese annahme von Gennrich zu weit. 
Es ist nicht einzusehen, warum die drei ersten zeilen den 
gleichen reim haben und die letzte einen anderen. Die gründe 


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werden wohl in der musikalischen architektonik gelegen 
haben, wie das bei so vielen anderen liedern dieser form der 
fall ist. Die rekonstruktion unseres liedes als hymnenstrophe 
ist also abzulehnen; es ließe sich dagegen eher darüber streiten, 
ob es zur älteren oder jüngeren romanzenstrophe zu rechnen 
ist. Ich bin geneigt, es noch der älteren romanzenstrophe 
zuzurechnen. Wenn wir die in der ersten hälfte der 2. zeile 
überlieferten noten als richtig ansehen, dann liegt unzweifel¬ 
haft eine jüngere romanzenstrophe vor. Nun ist es aber 
sonderbar, warum der Schreiber die differenzierte a-melodie 
gerade in der mitte der 2. zeile abgebrochen hat. Wenn die 
melodie dieser zeile anders als die der ersten gewesen wäre, 
dann hätte ihm ein verschreiben nicht so leicht passieren 
können. Da aber die coda nach Gennrichs erster rekon¬ 
struktion (Vortr.) ähnlich beginnt wie die melodie der 1. zeile 
(litaneienmelodie), so war ein irrtümliches hineinkommen in 
diese nur zu leicht möglich. Ich möchte darum die von 
Gennrich zuerst gegebene rekonstruktion dieser melodie bei¬ 
behalten. Bei ihr findet sich noch der parallelismus, der 
ursprünglich zwischen reimschema und musik bestand und 
der bei einem so alten troubadour, wie es Wilhelm von 
Poitiers war, wohl noch am ehesten anzunehmen ist. 

7. Gemeinsames der älteren und jüngeren romanzenstrophe 

und der unterschied zwischen beiden. 

Mag nun eine romanzenstrophe der älteren oder jüngeren 
form angehören, so ist das für das hauptcharakteristikum 
dieser strophenart gleich. Sowohl bei der älteren als auch 
bei der jüngeren art finden wir einen Strophenkörper, der aus 
gleichlangen einreimigen oder einassonanzigen versen besteht, 
dem sich ein abschluß aus einem oder mehreren versen an¬ 
schließt, der einen neuen reim oder eine neue assonanz ein¬ 
führt und in der silbenzahl meistens von den zeilen des 
Strophenkörpers verschieden ist. Wenn dieser abschluß ein¬ 
mal die gleiche silbenzahl wie die anderen verse hat, so ist 
dies ein durch die länge der abschlußmelodie bedingter zufall. 
Seine Unabhängigkeit bleibt trotzdem bestehen. Der unter- 


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schied zwischen älterer und jüngerer form ist bloß musi¬ 
kalisch. Er wirkt sich auf den text nur insofern aus, als die 
ursprünglich künstlich durch analogie zur geistlichen strophi¬ 
schen dichtung festgelegte Zeilenzahl der Strophe, die noch 
nicht durch die musik bedingt ist, sondern die noch Schwan¬ 
kungen zuläßt, welche wir gewissermaßen als eine rückkehr 
zur natur bezeichnen konnten, bei der jüngeren form all¬ 
mählich durch die fortschreitende entwicklung der musik 
immer mehr innerlich bedingt wird und schließlich voll¬ 
kommen schwankungslose Strophen entstehen. 


Storost, Geschichte der Romanzenstrophe. 7 


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Kapitel IV. 


Weiterbildung der romanzenstrophe und 
ihre spuren in der späteren lyrik. 


1. Erweiterung der ro 


II 


anzenstrophe. 


a) Bildung von aaabab. 


In diesem kapitel möchte ich kurz die Weiterentwicklung 
der romanzenstrophe andeuten und dann ihre spuren in den 
komplizierten und zusammengesetzten Strophenformen der 
kunstdichter zeigen. Schon sehr früh begegnen wir bei den 
kunstdichtern der erscheinung, daß diese sich nicht mit dem 
inhalt ihrer werke begnügen, sondern auch durch eine elegante 
äußere form zu glänzen versuchen. Ganz besonders erstreckt 
sich dies streben auf die form der Strophe. So können wir 
beobachten, wie sie bereits aus der älteren romanzenstrophe 
etwas neuartiges zu schaffen beginnen, indem sie diese form 
durch nochmalige anfügung der beiden letzten verse er¬ 
weitern. Es wird also aus 


a a a ß 

a a a b 


ein 


a a a ß a ß 

aaabab. 


Diese neugestaltung setzt vor dem beginn der differenzierung 
ein und zeigt daher einen strengen parallelismus zwischen 
musik und reim. Schon der älteste troubadour, der Graf 
Wilhelm vonPoitiers, verwendet diese form. In 6 seiner 
lieder, die uns erhalten sind, finden wir sie, und zwar in 
Farai un vers (nr. IV bei Jeanroy) und in Pus vezem de 
novelh florir (nr. VII), deren Schema a 8 a 8 a 8 b 4 a 8 b 4 ist. Fast 


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das gleiche Schema hat Farai un vers , pos mi somelh (nr. V): 
a 8 a 8 a 8 b 4 c 8 h 4 , wobei die vorletzte zeile reimlos ist. Das lied 
Be voill que sapchon (nr. VI) hat die form: a 8 a 8 a 8 a 8 b 4 a 8 b 4 . • 
Etwas andere silbenzahl hat das lied Farai chansoneta 
(nr. VIII) a 7 ' a 7 ' a 7 ' b 7 a/ b 8 . Alle diese 6 lieder sind leider 
ohne musik überliefert.. Daß ihnen aber eine parallele musi¬ 
kalische architektonik zugeordnet war, können wir aus der 
analogie anderer lieder mit derselben form schließen, bei 
denen uns die musik erhalten ist 1 ). Diese form scheint sich 
einer großen beliebtheit erfreut zu haben, denn wir finden 
sie sowohl bei den Altprovenzalen als auch im altfranzösischeh 
viel verbreitet. Zuerst, z. b. bei Wilhelm IX. von Poitiers, 
erscheint diese form ganz ohne refrain, dann aber finden wir 
oft die beiden letzten verse als refrain verwandt, also: aaabAB 
Die ganze form bleibt aber im gründe dieselbe und die musik 
selbstverständlich auch. 

b) Refrain innerhalb dieser form (aAabAB). 

Eine Verfeinerung dieser form begegnet uns in den 
späteren rondeaux, die von Gennrich gesammelt sind und 
deren musik er mitteilt, soweit sie vorhanden ist. Dort ist 
die zweite Strophenzeile auch zum refrain geworden und ist 
in ihrem Wortlaut gleich der vorletzten. Deren form ist also: 
aAabAB, wobei aber das musikschema das alte bleibt. Aus 
der fülle der rondeaux dieser art möchte ich einige heraus¬ 
greifen und anführen: rondeau nr. 2 bei Gennrich: Main 
se leva bele Aeliz : 

a a a ß a ß 

a 8 A 8 a 8 b 4 A 8 B 4 , 


1) Gennrich (Zur Ursprungsfrage s. 219) möchte zu dieser strophen- 
form eine musik aaßß annehmen, also: 

a a ß ß 

a a a b a b 

Er will sie als sequenzenausschnitt erklären. Ich finde aber die erklärung 
als erweiterte romanzenstrophe wahrscheinlicher, denn die musik anderer 
solcher strophen zeigt eine form aaaß aß. Erst später setzt auch hierbei 
die differenzierung ein. Die differenzierten formen zeigen aber meistens wie 
bei den einfachen romanzen noch deutlich ihren Ursprung. 

7* 


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100 


rondeau nr. 5 : C'est desoz Volive en mi les prez: 

a a a ß a ß 

a io Aio a 10 b 5 A 10 B 6 , 

rondeau nr. 9: Aalizmain se leva: 

a a a ß a ß 

a 7 A 7 a 7 1)4 A 7 B4, 

rondeau nr. 11 : La jus desouz Volive: 

a a a ß a ß 

a e Ag a « bg A e B 6 , 

rondeau nr. 18: C'est la gieus en mi les prez: 

a a a ß a ß 
a 7 Ag a 8 b 5 Ag Bg 

U8W. 

Alle die eben gezeigten formen zeigen noch keine diffe- 
renzierung der melodie. Daß die differenzierung bei diesen 
auch eintreten kann, zeigt nr. 40 : N'en puis ma grant joie 
celer. Dessen form ist: 

aa' a" ß a " ß 
a A a b A B. 


c) Refrain auch davor (ABaAabAB). 


Bei einer anderen gruppe von rondeaux erscheint als 
erweiterung der eben gezeigten form der refrain auch vor der 
Strophe. Diese haben dann die form: 


a ß a a a ß a ß 

ABaAabAB, 


z. b. rondeau nr. 24: Margot , Margot , grief sunt li mau d'amer: 

a ß a a a ß a ß 

Aio B 5 a 10 A 10 a 10 b 5 A 10 B 5 , 


rondeau nr. 28: 


Mes cuers est emprisonh: 
aßaaaßaß 

A 7 Bg a 7 A 7 a 7 b 8 A 7 B 8 , 


rondeau nr. 30: J'ai mon euer del tout abandoune: 

aß a a a ß aß 

Ag Bg Ug Ag ag bg Ag Bg 


usw. 


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; 101 

« • ' + 

+ * ♦ * 

Erweiterung dieser form, verbunden mit differenzlerting, 
findet in rondeau nr. 41 : Amours me maint u euer statt: 

aßß’aaaßß aß 

ABBaAabb ABB, 


wo statt einer b-zeile deren zwei gesetzt sind. Die melodie 
der zweiten ist von der ersten etwas verschieden. Ähnlich 
erweitert ist das rondeau nr. 42: Jamais ne serai saous. Nur 
ist hier nicht die b-zeile, sondern die a-zeile verdoppelt: 


a a ß a a a a ß a a’ ß 

AABaAaa bA AB. 


d) aaaßaß und anderer text. 


Die einfache erweiterung der romanzenstrophe (aaabab) 
liegt musikalisch auch einem kreuzzugslied von Guios de 
Dijon: Chanterai por mon corage (Rayn. 21; Gennrich, 
Rotr. s. 44) zugrunde. Das lied ist folgendermaßen gebaut: 


a 


a 


a 


ß 


a 


ß 


a'ba'ba'ba'b C'DC'D (7 s.). 


Fassen wir je 2 textzeilen zu einer langzeile zusammen, so 
wurde die form der gewöhnlichen romanzenstrophe entstehen: 

au a i4 a l4 a 14 Bl4 Bl4* 


e) Differenzierung bei dieser for: 



Ebenso wie in der gewöhnlichen romanzenstrophe, so 
können auch in der erweiterten die musikzeilen differenziert 
werden, während der text erhalten bleibt. In dem 40. rondeau 
bei Gennrich: N'en puis ma grant joie celer ist die musik, 
wie wir bereits gesehen haben: a a ' a" ß a" ß. 

Die altfranzösische rotrouenge Chanter m'estuet de re- 
comens (Gennrich, Rotr. s. 15ff.) hat folgende form: 

a a' a” ß y S 

a 8 a 8 a 8 ^4 a 8 hg. 


Die ersten 3 zeilen sind etwas differenziert, dagegen weichen 
die beiden letzten volkommen ab und haben jede eine neue 
melodie. 


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102 


Etwas ähnliches liegt in dem lied Car me conseilliez 
(Spanke, Lieders. nr. 3) vor. Dessen form ist: 

a a ß y ö e £ 

a n a u &11 a n ^7 a 7 # ^7 

oder, da ß und y mit a sehr verwandt sind, aaa' a" ßy ö. 
Die vorletzte a-zeile hat im gegensatz zu den anderen a-zeilen, 
die 11 silben haben, nur 7 Silben. Dies ist in diesem falle ohne 
weiteres möglich, da diese zeile ja eine von den anderen 
a-zeilen unabhängige melodie hat. 

Sehr st$rk hat sich die musik in der pastourelle Quant 
voi la flor nouvele (Spanke, Lieders. nr. 7) von dem ursprüng¬ 
lichen Schema entfernt: 

a ß a ß y d y e 

a 6 a 6 a 6 a 6 a 7 ^>5 a 7 ^>5* 

Daß die beiden letzten a-zeilen eine silbe mehr haben, ist hier 
wieder durch die musik bedingt. Beide haben dieselbe melo¬ 
die, die mit den anderen a-zeilen nicht verwandt ist. Die 
musik spiegelt in diesem lied nicht mehr das metrische Schema 
wieder. Dieses bewahrt eigentlich nur das reimschema, 
während das Schema der Silbenzahlen sich der musik ange¬ 
paßt hat. 

Ein lied von Marcabru: Diraivos senes doptansa (Genn- 
rich, Rotr. s. 16) zeigt ähnliche Verhältnisse. Seine form ist: 

a ß a y d e 
a 7 a 7 a 7 bg a 7 b 7 . 

Auch hier ist eigentlich nur das reimschema erhalten. Die 
musik ist viel weiter entwickelt, und die silbenzahlenverhält- 
nisse sind auch nicht mehr die alten, denn statt 3 silben im 
letzten vers, wie wir sie erwarten müßten, sehen wir sieben. 
Schuld daran ist auch hier die musik, die diesem vers eine 
neue, unabhängige melodie gegeben hat 1 ). 

Vorhin war das lied von Wilhelm IX.: Farai un vers , 
pos mi somelh, dessen reimschema bekanntlich a 8 a 8 a 8 b 4 c 8 b 4 
ist, erwähnt. Die musik dieses liedes ist nicht erhalten. Viel- 


1) Andere beispiele dieser art bei Galino s. 14 f. 


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103 


leicht hat dem Grafen ein Vorbild vorgeschwebt, bei dem die 
beiden letzten verse als refrain verwandt wurden: aaabCB. 
Die musik wird allerdings noch nicht so weit entwickelt sein, 
daß diese Strophe ganz oder fast durchkomponiert war. Ich 
möchte eher glauben, daß diese form nach dem Schema aaaßaß 
gesungen wurde. Wahrscheinlich war die a-zeile vor ß unter 

deren einfluß differenziert, so daß dadurch die reimlose zeile 

* 

bedingt war. Man mag daher als musikschema etwa aaaßa'ß 
ansetzen, vielleicht auch aaa'ßa'ß oder aaa'ßyß (y=a") 1 ). 
In einigen fällen reimt oder assoniert der 5. vers mit den 
3 ersten. Es ist darum angängig, eine starke musikalische 
Verwandtschaft zwischen diesen versen anzunehmen. Nicht 
angängig ist es aber, wie es Jeanroy tut, diese form als 
a 8 a 8 a 8 b 4 b 12 aufzufassen, wobei die letzten beiden verse zu¬ 
sammengefaßt sind. A. Boucherie 2 ) schreibt diese form 
als a 8 a 8 b 12 b^. Diese Schreibweisen tragen aber den wirk¬ 
lichen Verhältnissen nicht rechnung, sondern verwischen die 
form vollkommen. 

•• • 

f) Varianten. 

Neben der gewöhnlichen form: aaabab kommen noch 
viele Varianten vor. Solche können sein: 

aaaa (...) bab, 
aaaabaab, 
aaabbab usw., 

z.b.: Marcabru: Pastorela: L'autrier jost unasebissa (Genn- 
rich, Vortr. s. 40) mit der form: 

a ß a ß y y d 

a' a' a' b' a' a' b' (7 s.). 


1) Die differenzierung vor der melodie ß (Schlußdifferenzierung): 
aaa' ß aß scheint Gennrich dazu verführt zu haben, für die form aaabab 
eine musik aaßyjßy^ (aaßß) zugrunde zu legen. Nämlich bei starker 

differenzierung kann die differenzierte a-zeile (a') von den übrigen so unähn¬ 
lich werden, daß eine Verwandtschaft nicht mehr zu erkennen ist (vgl. die 
differenzierung bei den einfachen romanzen). Aus aaa' ß a ß kann aaßyßy 
werden. Den Ursprung aus aaaßaß auch dieser differenzierten form müssen 
wir aber immer im äuge behalten. 

2) Revue de langues romanes 1882, 3® sör. t. VII, s. 194. 


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104 


Nur das reimschema zeigt noch den Ursprung aus der ro- 
manzenstrophe. Die musik weicht davon völlig ab, wie das 
in der lyrik der musikalisch entwickelteren kunstdichter 
meistens der fall ist. Einige andere heispiele mögen hier 
folgen: 

Bartsch, R. u. P. II, 85: Belle Aliz matin leva : 

a 7 a 7 a 7 a 7 a 7 bj A 7 B 5 ; 

Guiraut de Salignac: Esparviers et cmstors (Maus nr. 30): 

aaaahhaah (6 s.); 

Girant de Bornelh: Un sonet novel fatz (Maus nr. 21): 

aaaaabaab (6 s.); 

Richard de Semilli: L'autrier tot seus chevauchoie mon 
chemin (Bartsch, R. u. P. I, 64): 

a n a n a n h 6 |A 7 B 6 . 

Wie wir sehen, ist diese letzte form nur durch hinnenreim 
entstanden: A 7 A 4 ist gleich Au 1 ). 

Auch Varianten durch Umstellung sind möglich: z. b. die 
alha Ab la gensor que sia (Römer s. 10 ): 

a « a « a e b 4 h 4 a 6 , 

deren form aus a 4 a 6 a 6 b 4 a 6 b 4 entstanden zu denken ist. 

Erweiterung und einführung eines neuen reimes liegt in 
der romanze A la fontana del vergier von Marcabru vor 
(Römer s. 18): 

aaabaac (8 s.). 

Eine mehrfache erweiterung finden wir auch in der 
pastourelle Quant escavalcai l'autrier (Römer s. 31): 

| a 8 a 8 a 8 a 8 ^10 a 8 ^10 I a 8 ^10 [ a 8 * 

In der alba Quan lo rossinhols s'escria (Römer s. 11 ) 
scheint auch die erweiterte romanzenstrophe versteckt zu 
liegen: 

a 7 a 7 a 7 b 3 b 7 C 7 C 7 . 

1) Andere beispiele: vgl. Maus. 


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105 


Sehen wir vom refrain ab, so würde die letzte zeile des normal- 
schemas fehlen, und die 6. zeile wäre ein b-reim statt a. 

Diese eben besprochene erweiterte romanzenstrophe ist 
noch in vielen anderen fällen in allen möglichen abänderungen 
zu finden. Ich möchte mich hier nur begnügt haben, zu zeigen, 
wie häufig diese entwicklungsrichtung der romanzenstrophe 
vorkommt und welche formen sie ungefähr annehmen kann. 

2. Romanzenstrophen durch Zusammenfassung. 

In einer anderen art von späteren kunstliedem können 
wir durch Zusammenfassung je zweier oder mehrerer zeilen 
die romanzenstrophenform herstellen. Bei manchen dieser 
lieder ist die romanzenform musikalisch noch zu erkennen, 
bei anderen nicht mehr. 

Musikalisch ist die romanzenstrophe noch in Je che - 
vauchoie l'autrier seur la rive de Saigne (Rayn. 1256; Genn- 
rich, Rotr. s. 67) zu beobachten. Es hat das Schema: 

a a a ß ß> 

a 7 b 7 a 7 b 7 a 7 b 7 Cu Cu Cu Cu* 

Fassen wir je 2 zeilen zusammen, so ergibt sich: a 14 a 14 a 14 b 2 2 B 2 2 , 
also eine ganz normale romanzenstrophe. 

Ganz analoge Verhältnisse finden wir in Rayn. 1299: 
Pour mon euer releecier (Gennrich, Rotr. s. 40): 

a a a ß ß 

a 7 b 6 a 7 b 6 a 7 b 4 Cu 6n Cu Cu. 

Durch Zusammenfassung je zweier textzeilen ergibt sich: 

&18 3-13 3.13 ^ 22 ^ 22 * 

Dagegen ist in Quant voi le tens felon rasoagier (Rayn. 
1297; Gennrich, Rotr. s. 69f.) eine romanzenform nur text¬ 
lich noch vorhanden. Die form dieses liedes ist: 

a a ß y & y 

3io hjo b 10 a 10 b 10 c 4 B^o C 4 . 

Fassen wir wieder zusammen, so ergibt sich: a 2 o a 20 a 20 b 4 B 14 . 
Sehen wir uns übrigens das Schema der Silbenzahlen an, 


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106 


so entdecken wir die bekannte erweitere romanzenform: 
aaa.. .bab (10 10 10 10 10 10 4 10 4). 

Bei den folgenden liedem weicht die musik ebenfalls 
stark vom metrischen Schema ab. Die romanzenform ist also 
durch Zusammenfassung nur textlich herzustellen: Rayn. 
480: A la dougour des oiseaus: 

ababababCC (7 s.). 


Durch Zusammenfassung je zweier zeilen erhalten wir 

a M a 14 a 14 a 14 B 14 . 

Rayn. 265: Biaus m'est, quant voi verdir les chans : 

ababababCD (8s.) 


a 


a a B (16 s.). 


Rayn. 1006: Biaus m'est estes, quant retentist la breuille 

a' b' a' b 7 a 7 b 7 B' A 7 (10 s.) 




a 7 . a 7 a 7 B 7 (20 s.). 


Ähnliche fälle finden wir in den von Römer zusammen¬ 
gestellten Strophenformen: 

z. b. Uc de la Bacalaria: Per grazir la hon ’ estrena : 


a 7 b 7 a 7 b 7 a 7 b 7 a 7 b 7 C 4 C 4 D§ 


a 14 a l4 a 14 a 14 


b 13 '. 


Peire Espaignol: Ar levatz sus franca corleza gens : 

a b a b a b c 7 (10 s.) 

= a 20 S 20 a 2 o hio • 


G-uir. Riquier: Pus astres no m'es donatz: 

ab'ab'ab'ab'CC (7 s.) 


= a 


a 


a 7 a 7 B (14 s.), 


T 0 m i e r: De chantar farai una esdemessa: 

a 5 a 5 a 5 G« C 4 
= a 10 Uio a io Bi 2 . 


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107 


P e i r e d e 1 a C a r a v a n a: D’im sirventes faire es mos pensamenz 

a' ba'ba' bCCCC(5 s.) 

= a a a B B (10 s.). 

Uc de San Circ: Una danseta voill far : 

a 7 b 4 a 7 b 4 a 7 b 4 Cg Cg C 7 Cg Cg C 7 


a n a n a n B 


13 


Bl3* 


Joan Esteve: El dous temps quan la flor s'espan : 

a 8 bg ag bg a 8 bg Cg C 5 C 5 Cg c 4 

= a ie a ie a l6 ^15 ^9. 

Raimon de las Salas: Deus aidatz : 

a 3 a 3 bg Cg ag ag bg Cg ag ag bg Cg dg d 4 d 4 Eg E 4 A 4 Fg F 4 F 4 Fg 


a 14 


a l4 


a l4 


11 


c 


11 


D 


11 


D*. 


Raimon Escrivan: Senhors l'autrier vi ses falhida : 

a'a'a'a'bbbb (8 s.). 

Dies mag eine erweiterung der b-zeilen der romanzenstrophe 

sein: aaaab + bbb. 

usw. 

In der Sammlung von romanzen und pastourellen von 
Bartsch sind auch solche beispiele zu finden: 

z. b. 1,49: Quant je chevauchoie: 

a 5 ^>4 a 5 ^4 a 5 ^>4 a 5 h 4 ^7 dg dg Cg Fg Eg 


= a 


9 


a 


9 


a 


9 


a 9 


14 


C 12 dg Djg 


Erweiterter Schluß, 

II, 27: En une praelle : 

a 5 b 4 ag b 4 ag b 4 ag b 4 c 7 c 7 dg dg e 9 f 5 Fg E 9 


a 


9 


a 9 


'9 


a 9 b 


14 


D 


Erweiterter Schluß 1 ), 


1) Der Schluß und refrain sind hier in jeder Strophe etwas anders. 


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108 


III, 44: Vautrier par un matinet von Moniot de Paris: 
ab'ab'ab' ab' ab'ab' b' b' C' C' C' (7s.) 

= a 14 ' a 14 ' a 14 ' a 14 ' a 14 ' a 14 ' a 14 ' B 2 i / 

usw. Noch mehr beispiele dieser art finden sich bei Maus 


3. Bomanzenstrophen in anderen formen enthalten. 

In vielen liedem der kunstdichter, die sich durch größeren 
umfang und kompliziertheit der Strophe auszeichnen, begegnen 
wir der romanzenform innerhalb größerer Strophengebilde. 
Der Zusammenhang mit der musik ist so sehr gelockert, daß 
wir diese erscheinung eher als eine ästhetische Spielerei mit 
der form bezeichnen können, die die innere gefühlsarmut 
solcher dichtungen ersetzen sollte. 

Eine vadurie von Moniot de Paris: Lonc tens ai mon 
tens usi (Rayn. 476; Gennrich, Rotr. s. 41) hat nach Genn- 
rich die form: 

a a' a 1 

a 6 a 4 a$ bg c 4 c 4 c 8 bg D$ D$ Dg Bg. 

Die melodie a' unterscheidet sich von a nur durch die letzten 
beiden töne. Die durch die melodie a zusammengefaßten 
4 kurzzeilen haben die form der romanzenstrophe, die also 
in der Strophe des liedes dreimal vorkommt. In dieser vadurie 
können wir aber innerhalb der melodie a eine dem reimschema 
entsprechende musikalische gliederung erkennen. Die form 

a 

a® a# a 6 b 6 

könnten wir durch Zerlegung der dazugehörigen melodie 
auch so auffassen: 

a a' a" ß 

a« a 8 b 6 , 

wobei a f einen halben ton tiefer steht als a und a" eine kleine 
terz. Die Strophe der vadurie wäre demnach also: 

a aa " ß a a' a" ß' a a! a” ß f 

a 6 a 4 a$ bg Cg Cg Cg bg Dg Dg Dg Bg. 


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109 


Dies stellt aber eine ausnahme dar. Meistens ist eine solche 
Zerlegung nicht möglich. Man kann ja auch diese melodie 
als für je 4 zeilen geltend auffassen, wie öennrich es tut. 

In vielen anderen Strophenformen können wir in ähn¬ 
licher weise im metrischen Schema noch die romanzenarchi- 
tektonik wiederfinden: 

z. b. Moine de Montaudon: Gascspecs (Jeanroy, Or. 
s. 376): 

ja a a b', ,a a a b', (7 s.); 

G. Raynold et Magret: Magret puiat (Jeanroy, Or. s.376): 

i» aal >'i i a a a b ' i ( 7 s ->; 

Moine de Montaudon: Mariens (Jeanr-oy, Or. s. 377): 

l a io 3 -iq a io V| i a io a io a io b 7 ^| ; 

Rostanh Berenguier: La dousa paria (Römer s. 60): 



Marcabru: Estornel , coill ta volada (Römer s. 18): 

l a 7 a 7 a 7 b 7 , 1 C 3 C 3 C 3 C 3 C 3 C 3 a 5 1 ; 


Folquet de Marseilla: Vers deus , el vostre nom e de sancta 
Maria (Römer s. 10 ): 



Bartsch, R. u. P. I, 61: L'autrier aloie pensant: 

a 7 a 3 bs a 7 a 3 b 3 b 7 C 31 D 3 D 3 D 3 Bg| 1 D 3 D 3 D 3 B 2 


u. a. (vgl. Maus). 


Wie wenig ein musikalischer Zusammenhang zwischen 
der architektonik der in anderen, komplizierten gebilden ent¬ 
haltenen romanzenstrophenformen und ihrer musik besteht, 
möchte ich noch an einem beispiel zeigen: Richard de Se- 
milli: Je chevauchai l'autrier la matinee (Gennrich, Rotr. 
s. 64; Rayn. 627) und Changon ferai plain d'ire et de pensee 
(Rayn. 638; Gennrich, Rotr. s. 68 ), dazu ein geistliches 
kontrafactum (Rayn. 1182; Gennrich, Rotr. s. 60): Chanter 
vos vueil de la virge Marie haben folgende form: 


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110 



Wollten wir die zu bbba und CCCA gehörige melodie noch zer¬ 
legen, so würde diese sich höchstens so gestalten: 

a a ß y <5 b' ß y d d’ 
a 7 a 7 ,b b b a 7 , ,C C C A 7 ,, 


wobei die anfänge von <5 und <5 7 gleich wären. Ein ähnlichkeit 
in der musikalischen und metrischen architektonik ist also 
nicht vorhanden, d. h. die in der ganzen form zweimal ent¬ 
haltene romanzenstrophe ist durch die musikalische archi¬ 
tektonik in keiner weise begründet. Wir müssen sie vielmehr 
als eine formenspielerei betrachten. - 

Wie weit solche metrischen Spielereien gehen können, 
zeigen fälle, wo ganze Strophenformen umgekehrt erscheinen. 

So kommt z. b. bei Guillem Figueira: Ja de far nou sir- 

1 m 6 

ventes (Stengel s. 86) die form a 7 b 8 a 8 b 8 b 8 b 8 b 8 b 8 vor, die aus 
aaa..bab entstanden ist. 


4. Erweiterung der coda und zurückdrängung der litaneien. 

Eine andere spur der alten romanzenstrophe können wir 
in fast allen kunstliedern der trouvöres und troubadours beob¬ 
achten. Man unterdrückte die zahl der Wiederholungen der 
ursprünglichen litanei und erweiterte dagegen die coda. Die 
Wiederholung der ersten phrase findet gewöhnlich nur einmal 
statt. Auch erstreckt sie sich meistens über 2, manchmal 
über 3, seltener sogar über 4 verse. Diese typen sind also: 


• 

a 

a 

+ coda, 


a ß 

a ß 

+ coda, 

seltener: 

aßy 

aßy 

+ coda, 


a ß y ö 

a ß y 6 

+ coda, 

oder auch: 

a a ß 

a a ß 

+ coda. 


Einige betspiele mögen hier folgen: 

Blondel de Nesle: Quant je plus sui en poor de ma vie 
(Rayn. 1227; Gennrich, Rotr. s. 32): 


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111 


ß a ß y <5 


ö rj ft i 


&10 ^10 3-10 ^10 ^10 3-10 bin 3-3 3-4 3 g bjo 3-7 b7 b7 

a ß a ß -f coda 


= a 


+ coda; 


KönigvonNavarra: L'aulrier jtar la matinee (Tiersot s. 420) 

a ß a ß y ö e £ rj d 
&•] b 7 a 7 b 7 b 7 C 7 C 7 b 6 b 7 C 7 
= a ß a ß + coda 

= a a + coda; 

CI. Marot: Une pastourelle gentille (Tiersot s. 437): 

a ß a ß y ö e 

3-8 bg 3g bg C 9 dg dg 


= a 


+ coda; 


Rayn. 573: Au tans novel (Galino s. 19): 

a ß y a ß y coda 
aabaabccdD 


= a a + coda 

und viele andere lieder (vgl. Galino [s. 19] und Maus). 

Gennrich erklärt diese form (kanzonenstrophe) anders. 
Nach ihm soll dies eine hymnenstrophe sein, bei der der erste 
melodieabschnitt der singweise dieser vorangestellt wurde, 
wodurch eine Wiederholung dieses ersten melodieabschnitts 
zustande kam. Wie Gennrich selbst zugibt, ist aber kein 
fall bekannt, wo man dies voranstellen des ersten melodie¬ 
abschnitts bei einer ganz durchgeführten hymnenmelodie be¬ 
obachten könnte. Nur bei den rondeaux findet eine voran- 
stellung statt, allerdings nicht des ersten, sondern letzten 
melodieabschnitts. Diese form ist eine durchaus künstliche 
und kann nicht zur erklärung einer so viel gebrauchten form 
wie der kanzonenstrophe herangezogen werden. Außerdem 
liegen dort die Verhältnisse ganz anders. Unsere erklärung ist 
dagegen viel natürlicher und reiht auch die kanzonenstrophe 
in die allgemeine entwicklungsreihe ein. 


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Schluß. 

Ergebnisse. 


1. Die geschieht« der romanzenstrophe. 

In vorliegender arbeit habe ich versucht, eine ge- 
schichte der romanzenstrophe zu geben. Die grundlage 
der entwicklung ist das sog. litaneienprinzip, das nicht 
nur dem altfranzösischen volke eigentümlich ist, sondern das 
man auch bei allen Völkern der weit, die auf der entsprechen¬ 
den entwicklungsstufe stehen oder standen, ja sogar bei tieren 
finden kann. Eine herleitung dieser musikalischen form aus 
den litaneien der kirche, wie Gennrich es annimmt, ist nicht 
richtig. Nur der name ist daher genommen. Die sangesart 
der litaneien ist vielmehr die volkstümlichste aller musi¬ 
kalischen formen. Daß die mittelalterliche kirche auch 
diese form an wenden konnte, ist nicht weiter verwunderlich. 
Denn den musikalisch höher gebildeten klerikem war diese 
forin nicht ganz fremd, da sie ja selbst mitglieder des Volkes 
und so von natur aus in dieser form zu hause waren. Meistens 
verwandten sie die litaneien in weniger kunstvollen gesängen, 
die für das volk bestimmt waren, sei es, daß sie von diesem 
gesungen, oder sei es, daß sie nur seinem musikalischen Ver¬ 
ständnis angepaßt werden sollten. 

Auf dies litaneienprinzip kamen dann unter den händen 
der geistlichen Sänger oder der durch diese musikalisch ge¬ 
bildeten jongleurs von seiten der kirchlichen musik und poesie 
eine reihe von Zügen, die an und für sich mit dem litaneien- 


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113 


prinzip nichts zu tun hatten, sondern diesem gänzlich fremde 
elemente darstellten. Auf diese weise kamen die formen 
zustande, mit denen wir uns beschäftigt haben. Als erstes 
dieser fremden elemente haben wir die musikalische coda 
kennengelernt, die den laissen angefügt wurde. Ebenso alt 
ist auch die künstliche begrenzung der Zeilenzahl beim 
litaneienprinzip. Diese erfolgte, wie wir gesehen haben, in 
analogie zur kirchlichen strophischen dichtung. Aus diesen 
3 elementen: litaneienprinzip, künstliche begrenzung der 
Zeilenzahl und musikalischer abschluß entstand eine ganz 
eigentümliche strophische form, die wir als ältere roman- 
zenstrophe bezeichnet haben. Irgendwie innerlich durch 
die musik festgelegt ist diese Strophe noch nicht. 
Innerhalb ihres Strophenkörpers herrscht noch uneinge¬ 
schränkt das litaneienprinzip, das bekanntlich keine be¬ 
grenzung der Zeilenzahl kennt. Daher war es auch möglich, 
daß solche künstlich festgelegten Strophen wieder zerfielen 
und so Schwankungen in der Zeilenzahl auftreten konnten. 
Es ist aber nicht statthaft, diese formen als Übergänge von 
der laisse zur Strophe anzusehen. Ein allmählicher Übergang 
findet nicht statt. Unregelmäßige romanzenstrophen sind 
nur als rückschläge zur natur des litaneienprinzips anzu¬ 
sehen 1 ). 

Allmählich begannen unter dem einfluß der höher ge¬ 
bildeten geistlichen musik die litaneienglieder sich unter¬ 
einander zu differenzieren, d. h. es fand eine entwicklung 
statt, die dahin führte, die einzelnen Strophenzeilen dem 
litaneienprinzip immer mehr zu entfremden. Bei beginn dieser 
entwicklung wurde zunächst nur die letzte zeile vor dem 
refrain differenziert (Schlußdifferenzierung). Diese nahm 
immer größeren umfang an und erfaßte von hinten aus be¬ 
ginnend immer mehr Strophenzeilen. Eine andere art der 
differenzierung wollte abwechslung bringen und änderte je 
die 2. zeile ab. Auch konnten beide arten der differenzierung 
kombiniert werden. Die differenzierten zeilen, deren Ursprung 

1) Selbstverständlich ist es nicht zulässig, die laissen eines epos als 
zerfallene romanzenstrophen aufzufassen. 

Storost, Geschichte der Romanzenstrophe. 8 


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114 


man anfangs noch gut erkennen kann, wurden ihrer ausgangs- 
zeile gegenüber immer selbständiger und schließlich gänzlich 
unähnlich. Durch diese entwicklung wurde hei der romanzen- 
strophe nun endlich die Zeilenzahl durch die musik, d. h. 
innerlich festgelegt. Auf dem wege dahin waren, wie wir 
beobachten konnten, Schwankungen der Zeilenzahl noch mög¬ 
lich. Diese erscheinung starb aber mit zunehmender diffe- 
renzierung immer mehr ab und verschwand schließlich ganz. 
Diese romanzenform, bei der die Zeilenzahl der Strophe inner¬ 
lich durch die musik festgelegt ist, haben wir als die jüngere 
bezeichnet. Gemeinsam mit der älteren form hat sie nur 
noch das metrische strophenschema. Ihre musik ist weiter 
fortgeschritten. 

Die ganze entwicklung, d. h. das eintreten der dem 
litaneienprinzip fremden Züge und ihre reihenfolge sowie die 
daraus gebildeten formen, läßt sich durch folgendes Schema 
darstellen: 


Volksmäßig: 
litaneienprinzip 


Geistliche knnst: 


ältere -<-musikalischer abschluß 

romanzenstrophe -< -künstliche begrenzung 


jüngere -differenzierung 

romanzenstrophe 


heutige strophische 
Volkslieder 


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115 


Aus diesem Schema sehen wir, daß als ursprünglich volks¬ 
tümliches element bei der romanzenstrophe nur die litaneien 
des Strophenkörpers (bei der älteren romanzenstrophe) in 
frage kommen. Alle übrigen elemente sind aus der höher 
entwickelten geistlichen kunst gekommen. Die romanzen¬ 
strophe stellt sich also als eine mischung von einem 
volksmäßigen element mit einer anzahl nichtvolks¬ 
mäßigen dar. Sie ist somit als eine kunstform anzusehen, 
die auf volksmäßiger grundlage aufgebaut ist. 

Die romanzenstrophe scheint sehr beliebt und bekannt 
gewesen zu sein, denn ihre spuren lassen sich in der auf das 
formale sehr viel wert legenden kunstdichtung noch allent¬ 
halben finden. Man erweiterte die romanzenstrophe durch 
Wiederholung der letzten beiden zeilen. Auch stellte man diese 
beiden letzten zeilen voran. Bei anderen liedern wieder finden 
wir die romanzenstrophe einer komplizierteren form als 
grundlage dienend. In anderen fällen ist sie in einer um¬ 
fangreicheren und komplizierteren Strophe ein- oder mehr¬ 
fach enthalten. Eine weitere spur unserer romanzenstrophe 
scheint sich in der kanzonenstrophe zu finden, wo die 
zahl der Wiederholungen bis auf eine herabgesetzt und die 
coda sehr erweitert ist. 


2. Ro 


II 


anzenstrophe und rotrouenge. 


Notwendig ist es noch, das Verhältnis der romanzen¬ 
strophe zur altfranzösischen rotrouenge zu klären. Die letztere 
hat Gennrich ausführlich untersucht. Danach ist rotrouenge 
die bezeichnung für eine musikalische Strophenform im alt- 
französischen. Ihr Schema ist musikalisch und textlich: 


aaa. ..ß 
a a a... b, 


■ 


wobei die zeilen des Strophenkörpers in vert- und clos -Schlüsse 
auslaufen können {a a a.. .a! ß), was unserer Schlußdiffe¬ 
renzierung entspricht. Danach ergibt sich, daß die rotrouenge 
mit der von uns so genannten älteren romanzenstrophe musi¬ 
kalisch identisch ist. Außerdem greift die rotrouenge auf das 
gebiet der jüngeren romanzenstrophe über. Hier umfaßt sie 

8 * 


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116 


aber nur die ältesten, also die am wenigsten differenzierten 
formen. Die rotrouenge ist also in der romanzenstrophe 
enthalten. Der begriff romanzenstrophe ist daher der 
höhere begriff, der auch die weiteren entwicklungsformen, 
die nicht mehr zur rotrouenge gehören, umfaßt. 

Wenn man gesagt hat, daß Schläger sich vergebens 
bemüht hat, die musikalisch einheitliche form der romanze 
nachzuweisen, so trifft diese bemerkung nicht das richtige. 
Die romanzenstrophe ist nicht eine form, die immer gleich 
war, sondern sie hat eine bestimmte entwicklung durch¬ 
gemacht, die wir verfolgt haben. Zu erkennen ist sie aber 
immer an einer formel, die, sei es musikalisch und metrisch 
(ältere romanzenstrophe) oder nur metrisch (jüngere roman¬ 
zenstrophe) bei ihr auftritt. Und diese formel wird dargestellt 
durch das einfache Schema: aaa.. b. 


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Romanistische Arbeiten 

Herausgegeben 

von 

Karl Voretzsch 

8 . 

1. Schuwerack, Josef, Charakteristik der Personen in der altfranzö¬ 
sischen Chan^un de Guillelme. Ein Beitrag zur Kenntnis der poetischen 
Technik der ältesten Chansons de Geste. 1918. XVIII, 138 S. Ji 4,— 

2. Zanders, Josef, Die altprovenzalische Prosanovelle. Eine literar¬ 
historische Kritik der Trobadorbiographien. 1913. VIII, 136 S. Ji 4,— 

3. Schwartz, Wilhelm, August Wilhelm Schlegels Verhältnis zur 
spanischen und portugiesischen Literatur. 1914. X, 144 S. Ji 4,40 

4. Wulff, August, Die frauenfeindlichen Dichtungen in den romani¬ 

schen Literaturen des Mittelalters bis zum Ende des XIII. Jahrhunderts. 
1914. X, 199 S. Ji G,- 

5. Stiefel, Heinrich, Die italienische Tenzone des XIII. Jahrhunderts 
und ihr Verhältnis zur provenzalischen Tenzone. 1914. XIII, 151 S. 

Ji 6,— 

6. Falke, Ernst, Die romantischen Elemente in Prosper Mörimöes 

Roman und Novellen. 1915. XI, 189 S. Ji 6,— 

7. Mulertt, Werner, Laissenverbindung und Laissenwiederholung in 

den Chansons de gestc. 1918. XIV, 196 S. Ji 8,— 

8. Scheludko, Dimitri, Mistrals „Ncrto“. Literarhistorische Studie. 

1922. 64 S. Ji 2,40 

9. Moldenhauer, Gerhard, Herzog Naimes im altfranzösischen Epos. 

1922. XI, 181 S. Ji 7,- 

10. Wuttke, Adolf, Die Beziehungen des Felibrige zu den Trobadors. 

1923. 99 S. Ji 2- 

11. Mulertt, Werner, Studien zu den letzten Büchern des Amadis- 

romans. 1923. X, 114 S. Ji 3,— 

12. Hoffrichter, Leo, Die ältesten französischen Bearbeitungen der 

Melusincnsage. 1928. XI, 128 S. M 8,— 

13. Moldenhauer, Gerhard, Die Legende von Barlaam und Josaphat 

auf der iberischen Halbinsel. Untersuchungen und Texte. 1929. VIII, ' 
186 S. VI, 348 S. Ji 36,- 

14. Parwulski, Otto, Victor Gelu. 1930. XII, 166 S. Ji 9,— 

15. Müller, Erich, Die Altprovenzalische Vcrsnovelle. 1930. XV, 

153 S. M 8,- 


Max Niemeyer Verlag, Halle (Saale) 


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Gerhard Rohlfs 


Etymologisches Wörterbuch 

der 

unteritalienischen Gräzit&t 

1930. Kl. -8°. XLVII, 393 S. 

Geh. Ji 28,—; Lwd. geb. M 30,— 


INHALTSVERZEICHNIS 


Seite 

Vorwort . III 

Transkriptionssystem . . XIII 

Verzeichnis der mundart¬ 
lichen Quellen mit ihren 
Abkürzungen .... XV 

Verzeichnis der abgekürzt 
angeführten Werke . . XXVIII 

Sonstige Abkürzungen . XLI 

Grundzüge der lautlichen 
Entwicklung. XLII 

Text des Wörterbuches . 1-288 

Wörter unbekannter Her¬ 
kunft . 289 

1. Geländeterminologie . 289 

2. Landwirtschaft u.Vieh- 

zucht. 290 

3. Fauna. 292 

4. Fische und Fischerei . 293 

5. Flora. 293 

0. Mensch und Krank¬ 
heiten . 295 

7. Ilaus, Küche u. Speisen 296 

8. Verschiedenes .... 298 


Seito 


Nachträge und Berichtigun¬ 
gen .299 

Wortindex 

1. Italienisch und griechi¬ 

sche Mundarten Unter¬ 
italiens .306 

2. Griechisch.369 

3. Lateinisch.385 

4. Französisch.388 

5. Provenzalisch.388 

6. Spanisch.388 

7. Portugiesisch.389 

8. Rumänisch.389 

9. Rätisch.389 

10. Dalmatisch.389 

11. Sardisch.389 


12. Germanische Sprachen . 389 

13. Semitische Sprachen. . 890' 

14. Slawische Sprachen . . 390 

15. Albanesisch.390 

16. Verschiedene Sprachen . 390 

17. Ortsnamen ...... 391 

18. Personennamen .... 393 


Max N 



eyer Verlag, Halle (Saale) 


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